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09-04-2008 50 Jahre Beijing Rundschau
Thomas Heberer: Die Beijing Rundschau und ich
von Xu Bei
Seit Sie im Jahr 1975 zum ersten Mal nach China gereist sind, sind mehr als dreißig Jahre vergangen. Wenn Sie zurückblicken, wie bewerten Sie die Veränderungen? Was ist besser geworden, was ist nicht so positiv? Im Prinzip ist es rundum in fast jeder Hinsicht eine Verbesserung. Als ich nach China kam, war China ein totalitärer Staat. Ausländer durften keine Beziehung zu Chinesen haben. Obwohl ich in einer chinesischen Einrichtung hier bei der Beijing Rundschau gearbeitet habe, gab es keine privaten Kontakte zu meinen Kollegen. Es waren auch keine Kontakte außerhalb der Arbeit möglich. Eine der wichtigsten Veränderungen ist für mich, dass am Ende der 70er Jahre Kontakte mit den Menschen möglich wurden. Und dass die Angst langsam verschwand, mit Ausländern in Berührung zu kommen. Dann natürlich die materielle Besserstellung, nicht für alle heute in China, aber für den Großteil der Menschen. Als ich hierher kam, bekamen wir pro Woche zwei Flaschen Bier. Wenn wir ein Fest hatten, gingen wir von Nachbar zu Nachbar und fragten, ob sie uns ihr Bier für diese Woche geben könnten, und wir gaben ihnen unser Bier nächste Woche zurück. Armut, Mangel und politischer Totalitarismus: diese drei Dinge haben sich grundlegend geändert. Mehr Freiheit, mehr Liberalität, die Versorgungslage ist kein großes Problem mehr. Andererseits wächst der Unterschied zwischen Arm und Reich. Vorher waren alle arm. Jetzt gibt es Superreiche und Superarme. Auch der Unterschied zwischen den Regionen wächst. Früher waren alle Regionen arm. Die Werte: Obwohl auch in den 70er und 80er Jahren die menschlichen Beziehungen nicht einfach waren, spielt das Denken in Gewinnkategorien heute eine überragende Rolle. Das aber sind Dinge, die notwendig auftreten, wenn ein Land sich rasch entwickelt. China hat einen erstaunlichen Wandel erfahren, von der Plan- zur Marktwirtschaft in relativ kurzer Zeit. Und in einem solchen Wandelprozess gibt es viele Probleme, darunter auch Korruption, aber das ist normal. Meiner Meinung nach ist China ein lernendes Land. Es werden nach wie vor Fehler gemacht, aber man lernt aus den Fehlern und versucht sie zu korrigieren. Deshalb bin ich auch relativ optimistisch.
China näher und gründlicher kennen lernen
Sie haben 1984 anlässlich des 20. Jubiläums der deutschsprachigen Ausgabe der Beijing Rundschau einen Artikel unter dem Titel „China näher und gründlicher kennenlernen" geschrieben. Wie kann man Ihrer Meinung nach China „näher und gründlicher kennen lernen"? Es gibt ein berühmtes chinesisches Sprichwort: Einmal sehen ist besser als hundert Mal hören. Das Wichtigste ist, das man selbst einmal im Land gewesen ist und China aus persönlicher Anschauung heraus kennt. Sehr viele Menschen bei uns, auch Studierende, die noch nie in China waren, haben die Vorstellung, es sei so wie früher in der Sowjetunion und in Osteuropa: alles wird kontrolliert, man darf nicht fotografieren, man darf sich nicht frei bewegen und alles sei streng reglementiert. Das ist eine sehr starke Vorstellung, die aus den Menschen nur schwer herauszubekommen ist. Meiner Meinung nach wird China und seine Entwicklung im Ausland im Prinzip nicht verstanden. Es entstehen sehr viele Missverständnisse. Wie man jetzt wieder sehen kann bei der Tibetberichterstattung. Keiner hat wirklich verstanden, worum es da eigentlich geht.
Wie kann man China objektiv kennen lernen? Vielleicht etwas objektiver! Es gibt sehr viel Literatur, auch gute allgemein verständliche Literatur bei uns in Deutschland, die Bundeszentrale für politische Bildung gibt zum Beispiel einen Länderbericht und Themenhefte heraus, jetzt erscheint dort ein Buch für Lehrer, Unterrichtsmaterialien. Es gibt schon Möglichkeiten, seriöse Informationen zu bekommen. Aber das ist nur für die Vorbereitung gut, denn natürlich kann man jedem nur empfehlen, hierher zu fahren und sich anzuschauen, wie dieses Land sich verändert.
Was für eine Rolle spielen die Medien beider Länder in der Vermittlung von Wissen über das jeweils andere Land? Mit den Medien ist es relativ schwierig, es gibt in Deutschland momentan eine sehr negative Stimmung gegenüber China. Das hat verschiedene Ursachen. Einer der Gründe ist, dass einige Angst davor haben, dass sich Chinas Entwicklung negativ auswirken könnte auf Deutschland. Ein deutscher Auslandskorrespondent in Peking hat ein Buch geschrieben, worin er ausführt, dass Chinas Aufstieg Deutschlands Abstieg sei. Das ist meiner Meinung nach eine unverantwortliche Aussage, weil sie suggeriert, dass Chinas Aufstieg automatisch bedeutet, dass es Deutschland schlechter gehen muss. Solche Aussagen machen den Menschen natürlich Angst. Das hat sich in Deutschland auch auf die Politik ausgewirkt. |
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