15-08-2008 Beijing Rundschau
Das Lachen der Goldfischchen
von Matthias Mersch

 

Unter dem Titel "Sonntägliche Harmonie” bringt die taz einen einfühlsamen Artikel von Kristin Kupfer über traditionelle chinesische Kampfkünste als verbindendes Element zwischen Chinas sozialen Schichten und Altersklassen. Es wird unter anderen ein Meihuaquan- Lehrer vorgestellt: "’Manchmal mußt Du erst verlieren, um gewinnen zu können’, übersetzt Ma Chengxiang dies für das heutige Alltagsleben. 'Es ist eine Lebensphilosophie, eine Schulung der Persönlichkeit’, sagt Ma, 'Nicht primär für den Kampf, sondern für das alltägliche Leben’”.

Östliche Weisheit harmoniert mit dem Kommentar von Evi Simeoni auf FAZ.net: "Fabian Hambüchen ist gerade dabei, das Verlieren zu lernen." Weniger vornehm, aber mit einem gewissen Sprachwitz hat die Bildzeitung die Performance des "Turnflohs” am Reck formuliert: "Schon wieder gestürzt. Hambüchen: So verreckt sein Gold-Traum.”

Die deutschen "Goldfischchen” erlernen hingegen gerade wieder das Schwimmen: Britta Steffen gewann das erste Olympiagold für Deutschland im Schwimmen seit 1992! Das versetzt die Titelseiten der Presse fast in Ekstase, während FAZ.net darin sogar "Das Pflaster auf der deutschen Wunde” sieht!

Gelassen und trittsicher hingegen die deutschen Reiterinnen. Die taz bilanziert lapidar: "Dritter Start, dritter Sieg.” Und die Süddeutsche Zeitung listet alle Gewißheiten der Erde auf: "In Bayern regiert die CSU, nach dem Frühling kommt der Sommer , und die deutsche Dressurreiter-Equipe holt Olympia-Gold.” Insgesamt sei es das 19. Dressur-Gold für Schwarz-Rot-Gold, das zwölfte einer Equipe.

Traurig hingegen die Schweizer. Die Neue Zürcher Zeitung spricht von Roger Federers "Parabel der Traurigkeit”. "Der Traum von der Goldmedaille ist geplatzt.” Zu Schwarz werde hier gemalt, kommentieren die Leser, eine Formkrise sei ganz normal. Eine Leserin muntert auf: "Roger Federer ist ein Ausnahmeathlet und wird auch bei einem Tiefpunkt weiterhin die Nr. 1 für die Schweiz sein. Als Botschafter ist und bleibt er der Beste. Gratulation zu diesen Leistungen in den letzten Jahren und viel Glück für das Doppel!”

Auch der Wiener Kurier beklagt das Scheitern: in diesem Fall das der österreichischen Tischtennismannschaft am chinesischen Team, allerdings mit einem Augenzwinkern: "Es ist immer schön, gegen Chinesen zu spielen. Man kann quasi nicht verlieren. Weil man hat schon verloren”, sagte Werner Schlager vor dem Teamduell mit dem Tischtennis-Giganten China. Schlager sollte recht behalten. Leider.” Allerdings macht man sich Hoffnungen auf Bronze.

Mit dem nichtolympischen Gold Chinas ist inzwischen der deutsche Lieferant für preiswerten Zahnersatz, McZahn, in Konflikt geraten. Dem Unternehmen wird vorgeworfen, Konformitätserklärungen seiner Importe aus China gefälscht zu haben.

Niemand weiß, ob eine Wirtschaftsmeldung des Informationsdienstes "Silberinfo” in Zusammenhang mit dem Goldrausch der chinesischen Athleten in Verbindung steht:

"Mehrwertsteuer auf Gold in China?” Angeblich soll sie nach vierzehn Jahre nun wieder erstmals erhoben werden.

"Focus Online” hat (vorerst noch) verhaltene Goldängste in Amerika ermittelt: "China wird neuer US-Erzrivale. Im olympischen Medaillenrennen könnte China die USA überrunden. Aber noch wiegen sich die Amerikaner in Sicherheit. Falls China nun das Rennen um die meisten Goldmedaillen gewinnen sollte, stehen die Amerikaner … vor der Frage, ob sie sich das in London 2012 wieder gefallen lassen wollen. Oder sie fragen sich lediglich, wann eigentlich die Football-Saison wieder anfängt.”

"Welt-Online” berichtet in seinem "Olympia-Ticker” vom ersten aufgedeckten Doping bei einem Medaillengewinner: der nordkoreanische Pistolenschütze Kim Jong-su hatte Beta-Blocker geschluckt und wird seine Silber- und Bronzemedaille zurückgegeben müssen. "Financial Times Deutschland” nennt eine vietnamesische Bodenturnerin und einen Baseball-Spieler aus Taiwan als weitere Doping-Sünder. Doping hin oder her, für die Zeitung ist die "Bilanz der deutschen Olympioniken in Peking bisher durchwachsen. Während Fechter und Reiter der deutschen Mannschaft Doppel- und Dreifach-Gold bescherten, enttäuschten Ruderer, Schwimmer und Radsportler maßlos und glänzten lediglich durch fantasievolle Erklärungen für ihr bescheidenes Abschneiden.” Ein beinharter Beitrag zur uralten Frage, ob das Glas Sponsorenbier halbvoll oder halbleer ist …

 
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