11-10-2007 Beijing Rundschau
Kultur von Unternehmen
Von Xu Bei

Am 3. Juli veranstaltete die Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte & Touche und dem Forschungsinstitut des Handelsministeriums der VR China eine Fachtagung unter dem Titel „Unternehmenskultur und Geschäftserfolg: die chinesisch-deutsche Kooperation im Zeitalter der Globalisierung“. Die Beijing Rundschau nahm die Veranstaltung zum Anlass ein Interview mit Liz Mohn zu führen.

 

Liz Mohn repräsentiert zusammen mit ihrem Ehemann Reinhard Mohn die fünfte Generation der Eigentümerfamilien Bertelsmann/Mohn. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des Vorstandes und des Kuratoriums der Bertelsmann Stiftung und leitet den Internationalen Gesangswettbewerb „Neue Stimmen“, den sie ins Leben gerufen hat. In diesem Interview spricht Frau Mohn über ihre Chinaerfahrung, über die Rolle der Frau in der Gesellschaft und das Management globaler Unternehmen.

 

 

Bertelsmann ist in China seit über 10 Jahren präsent. In diesem Zeitraum hat sich China sehr verändert. Was ist Ihre Meinung zu diesen Veränderungen? Wie denken Sie über Chinas rasanten wirtschaftlichen Aufstieg?

 

Ich finde China hat sich sehr positiv verändert. Als ich zuerst nach China kam, sah ich nur Fahrräder, dann sah ich Mopeds, heute sehe ich Autos, viele Autos. Der Lebensstandard hat sich sehr verbessert. Die Lösung des Umweltproblems wird noch viele Jahre in Anspruch nehmen. Aber Chinas Politiker wissen darum und sind dabei, das Problem anzugehen. Es sieht bunt aus hier, die Menschen sehen zufrieden aus. China hat einen Weg gefunden, der menschenwürdiger ist. Es hat so einen weiten Weg innerhalb einer so kurzen Zeit zurückgelegt, dass dies nur unsere Bewunderung verdient hat. Kulturen zu verändern braucht Zeit. Das geht nicht von heute auf morgen. Man muss ihrem Land und den Menschen Zeit lassen, damit sie mitkommen und sich verändern können. Es geht uns damit in Deutschland nicht anders. Manches, was jetzt noch als Fehler aussieht, braucht Zeit, damit man es korrigieren kann. Wenn wir heute die Nachrichten verfolgen, ist nicht zu übersehen, dass die Volksrepublik China im Zuge der Globalisierung zu einer der führenden Wirtschaftsmächte heranwächst. Bereits heute wird China nach den USA und gemeinsam mit den Arabischen Emiraten und Russland zu den wichtigsten Finanzzentren der Welt gezählt. Immer häufiger nehmen chinesische Unternehmen etablierten westlichen Konzernen Marktanteile ab. Diese Unternehmen sind meist sehr finanzkräftig und expandieren heute aus starken Heimatmärkten nach Europa.

 

Worin liegen die Chancen und Risiken der Globalisierung?

 

Ich denke, dass die Globalisierung bei nüchterner Betrachtung mehr Chancen als Risiken birgt. Diese globale Chance, die wir alle haben, hat auch Ihr Land. Eines müssen wir im Westen akzeptieren: Die Globalisierung ist nicht umkehrbar und man kann sie auch nicht durch Schutzzölle oder Handelsrestriktionen verhindern. Und gerade deshalb müssen Unternehmen rechtzeitig Strategien entwickeln, wie sie auf den Wandel in den Weltmärkten reagieren wollen. Ziel sollte es doch sein, aus einer allgemein als Bedrohung empfundenen Situation eine „Win-Win-Situation“ zu machen. Deshalb beschäftigt sich die Bertelsmann Stiftung im Projekt „Unternehmenskulturen in globaler Interaktion“ mit der Frage, wie europäische Unternehmen auf eine Markterschließung und den Auftritt durch chinesische Unternehmen reagieren sollten. Uns erscheint es schlüssiger, Handlungsempfehlungen zu entwickeln, die eine deutsch-chinesische Zusammenarbeit auf dem deutschen Markt verbessern, chinesische Auslandsinvestitionen in Deutschland sinnvoll gestalten und so nachhaltig den Wirtschaftsstandort Deutschlands fördern.

 

Was können Sie chinesischen Unternehmen raten, die in Deutschland investieren möchten?

 

Wir von der Bertelsmann Stiftung und Bertelsmann AG haben viel Erfahrung im Bereich der Führungstechnik aber auch in der Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung. Und ich sehe es schon als unsere Aufgabe an, dass wir Netzwerke zwischen chinesischen und deutschen Unternehmern bilden. Das beste ist, sich Face to Face gegenseitig kennen zu lernen. Sowohl für chinesische wie auch für deutsche Firmen gilt, dass die Mitarbeiter der Schlüssel zum Erfolg eines Unternehmens sind. Globale Unternehmen haben also vor allem folgende Aufgaben: Sich selbst für die besten Mitarbeiter aus verschiedenen Kulturen attraktiv zu machen, diese Mitarbeiter auf verschiedene, kulturell angepasste Weise zu motivieren und ihre Kommunikation und Zusammenarbeit untereinander zu optimieren. Man sollte als Führungskraft zumindest das Bewusstsein besitzen, dass andere Kulturen zu respektieren sind.

 

Bietet die Bertelsmann Stiftung auch Beratung für kleinere und mittlere Firmen an?

 

Ja. Was für China besonders interessant sein könnte, denn darin gibt es hier noch wenig Erfahrung, ist unsere Beratung bei Gründung einer Stiftung. Aber auch bei der Etablierung von mittelständischen Firmen und Handwerksbetrieben helfen wir gern. Ich glaube, der chinesische Mittelstand kann gut investieren in Deutschland, wie auch der deutsche Mittelstand in China.

 

Wie können die kleineren Unternehmen die Kulturunterschiede überbrücken?

 

Vertrauen und Menschlichkeit sind wichtig, die Menschen verstehen, gut zu den Menschen sein wollen, sie nicht zu betrügen. Das ist wichtig. Man muss andere Kulturen achten. Die Menschen müssen sich untereinander achten. Ein gewisser Ehrgeiz und Mut gehören dazu, dann können auch kleine Unternehmen sehr viel erreichen.

 

Woran fehlt es den meisten chinesischen Unternehmen hinsichtlich der Unternehmenskultur in globaler Interaktion. In welcher Hinsicht müssen sie sich verbessern?

 

Ich hatte heute darüber ein Gespräch mit Minister Cai. Es gibt zur Zeit in China viele erfolgreiche Unternehmen. Als Unternehmer habe ich aber auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Wie geht es meinen Mitarbeitern? Wie kann ich durch meine unternehmerische Tätigkeit meinem Land, meiner Stadt, meiner Kommune helfen?

Zunächst muss ich natürlich erst einmal Geld verdienen. Wenn man keinen Erfolg hat, dann kann man sich auch nicht für sein Land engagieren. Aber wenn man Erfolg hat, dann kann man auch etwas für sein Land und die Menschen im Lande etwas tun.

 

Wie sehen Sie die Rolle der Frauen in der heutigen Gesellschaft?

 

Weltweit spielen die Frauen heute eine andere Rolle in der Gesellschaft als vor 30 oder 40 Jahren. Immer mehr Frauen haben heute im Zuge der Globalisierung die Chance, eine gute Ausbildung zu bekommen. Es ist schön, wenn man die Menschen kreativ werden lassen darf. Und ich glaube, dass es gut für ein Land ist, wenn man Männern und Frauen einen Freiraum gibt. Ich glaube, dass Frauen gute Begabungen haben für Business, aber auch viel bewegen können in einer Gesellschaft. Sie sind auch gut im Marketing, im Personalwesen, auf künstlerischem Gebiet.

 

Wie sehen Sie die chinesischen Frauen?

 

Sehr tüchtig, sehr gebildet, sehr offen und sehr schick. Also ich bin von Frauen in China sehr begeistert und angetan. Die Frauen in China werden, wenn sie wollen und können, ihren Weg in ihrem Land machen. Ich denke, der Unterschied zu deutschen Frauen ist gar nicht so groß. Auch in Deutschland muss es eine Fortschreibung der Rolle der Frau geben. Ich kenne viele chinesische Frauen, die sehr erfolgreich in ihren Berufen tätig sind. Sie sind jung und erfolgreich.

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