01-07-2008 Beijing Rundschau
Stadt statt Stahl: Shougang verabschiedet sich von Beijing
von Zeng Wenhui


Garantien für die Beschäftigten

In einer Werkstatt der Profilstahlfabrik der Shougang Group dröhnen die Maschinen jeden Tag 24 Stunden lang. Die Knüppeleisen werden je nach Anforderung der Kunden zu verschiedenen Stahlprodukten gewalzt. Laut Werkstattchef Wang Xinhua gibt es insgesamt 232 Arbeiter in einer Produktionslinie. Die Arbeiter werden in eine Frühschicht (0.00 - 8.00 Uhr), eine Tagschicht (8.00 - 16.00 Uhr) und eine Spätschicht (16.00 - 24.00 Uhr) eingeteilt, so dass die Produktion rund um die Uhr läuft. Haben die Arbeiter keine Zeit, in die Kantine zu gehen, wird ihnen das Essen direkt an den Arbeitsplatz geliefert. Im Sommer werden ihnen an Ort und Stelle kühle Getränke und Eis angeboten. Nach dem Umzug werden alle Maschinen der alten Produktionsstätten ausgemustert. In den neuen Fabriken werden völlig neue Anlage und Maschinen in Betrieb genommen.

Als ein Unternehmen mit einer Geschichte von 89 Jahren hatte Shougang zu ihren Hochzeiten mehr als 200 000 Angestellte. Liu Jing, eine Taxi-Fahrerin aus dem Shijingshan-Distrikt, war früher Arbeiterin bei Shougang. Aufgrund der starken körperlichen Belastung, der sie an ihrem Arbeitsplatz ausgesetzt war, konnte sie schon im Alter von 45 Jahren in Rente gehen. „Meine Mutter, mein Bruder und ich, wir alle arbeiteten für Shougang. Unsere Wohnung, ungefähr 65 Quadratmeter groß, wurde uns für nur 20 000 Yuan von Shougang gegeben. Viele Einwohner des Shijingshan-Distrikts haben bei Shougang gearbeitet."

Derzeit hat die Shougang Group 69 000 Angestellte. „Die meisten Angestellten brauchen nicht mehr in die neuen Fabriken zu gehen," so Wu Jianxin. Denn dort werden neue automatische Anlagen und Maschinen installiert, zu deren Betrieb und Unterhalt viel weniger Arbeiter erforderlich sind. Voraussichtlich werden nur insgesamt 7 000 Leute der alten Belegschaft übernommen. Außerdem kann Shougang vor Ort Arbeiter für einige arbeitsintensive Tätigkeiten einstellen, für deren Verrichtung keine speziellen Kenntnisse notwendig sind. Nur noch für wichtige technische Bereiche und Führungsaufgaben besteht noch Bedarf an erfahrenen Arbeitskräften.

Grundsätzlich gibt es schon die Möglichkeit, weiterhin für Shougang zu arbeiten, wenn man sich entschließt, eine Stelle in Caofeidian anzunehmen. „Unsere Mitarbeiterbefragung hat ergeben, dass Caofeidian für viele Arbeiter attraktiv ist", so Wu Jianxin. Die Arbeits- und Wohnbedingungen in den neuen Fabriken sind recht gut. Jedes Zimmer im Arbeiterwohnheim hat zwei Betten und eine Toilette. Jeden Tag räumen Putzfrauen die Zimmer auf und waschen für die Arbeiter Bettwäsche und Kleidung, ein Service fast wie im Hotel! Die Angestellten können - da sie ja nur 220 km von ihren Familien entfernt leben, mit dem Firmenbus am Wochenende nach Hause fahren. Viele Arbeiter um die Vierzig haben Sorge, dass Sie keine angemessene Arbeit mehr im Raum Beijing finden können. Ihre Kinder sind inzwischen auch aus dem Haus, also wollen sie nach Caofeidian gehen. Hinzu kommt, dass dort die Löhne höher sind.

Zhu Jinmin macht deutlich, dass Angestellte in der Nähe der Pensionsgrenze in den Ruhestand treten werden. Andere können in Tochterunternehmen der Shougang Group arbeiten, die nichts mit Stahlproduktion, sondern in den Bereichen Maschinenbau, Entwicklung, Service und Vertrieb etc. tätig sind. Diese Geschäftsfelder machen fast 50 Prozent der gesamten Aktivitäten des Konzerns aus. Nach dem Wegzug werden sich viele neue Unternehmen auf dem alten Gelände niederlassen. Diese können ebenfalls vormalige Angestellte der Stahlkocherei aufnehmen.

„Wir bieten für alle Angestellten Umschulungskurse an, so dass sie sich neue Fähigkeiten und Kenntnisse aneignen können, die ihnen bei der Arbeitssuche hilfreich sein werden." Die Beijinger Regierung hat bereits eine Milliarde Yuan für Umschulungs- und Arbeitsvermittlungsmaßnahmen eingesetzt. „Die Zentral- und Lokalregierung haben uns aufgefordert, für alle Angestellten eine befriedigende Lösung zu finden. Jeder Mitarbeiter soll zufrieden gestellt werden. Die Regierung will uns dabei unterstützen", so Zhu. Zwischen 2003 bis 2007 sind Shougang bereits Steuererleichterungen in Höhe von 93 Millionen Yuan gewährt worden, die in die Vermittlung neuer Stellen für die ehemalige Belegschaft fließen sollen.

Liu Hui, ein Wartungstechniker, ist Absolvent der Yanshan-Universität im Fach Maschinenbau und Automation. Der Fünfundzwanzigjährige arbeitet seit anderthalb Jahren für Shougang. Über seine Zukunft ist er sich noch nicht sicher: „Die Wahrscheinlichkeit, dass ich nach Caofeidian gehe, ist ziemlich groß. Mindestens 50 Prozent. Aber ich bin noch jung, wenn ich eine bessere Arbeitsmöglichkeit in Beijing finde, werde ich zugreifen. Falls ich nicht nach Caofeidian gehe, könnte ich in der Zentrale von Shougang in Beijing sicher einen anderen Posten, zum Beispiel im Verkauf finden. So jung wie ich bin, was könnte ich da nicht machen?"

 

 

 

 

 

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