30-11-2007 Beijing Rundschau
„ ... dass wir zeigen, was Deutschland eigentlich ist."
von Matthias Mersch

Diese Auffassung aber mündet in einen Irrtum, der in keinem der Pavillons korrigiert wird: dass ökonomische Vernunft, sanfte Technologie und Umweltschutz gewissermaßen naturwüchsig in Deutschland beheimatet seien, und dies seit langer Zeit. In jedem Winkel der Promenade präsentiert sich Deutschland als Vorreiter der Ökologie, woran nichts auszusetzen wäre, wenn es den chinesischen Besuchern nicht ein wichtiges Detail verschwiege: Umweltschutz wurde weder von der Regierung noch von der Industrie erfunden, sondern beiden in einem zähen Ringen abverlangt. Nur noch die Älteren werden sich daran erinnern, dass der Himmel über der Ruhr nicht immer blau gewesen ist. Das legendäre westdeutsche Wirtschaftswunder der fünfziger und sechziger Jahre hat einen extrem hohen ökologischen Preis gefordert, der zwei Jahrzehnte lang von der Industrie verschwiegen wurde, weil nicht sie ihn zu zahlen hatte, sondern die Bürger. Und die wehrten sich eines Tages. Die Gründung von Bürgerinitiativen Anfang der siebziger Jahre hat nicht nur das meteorologische, sondern auch das gesellschaftliche Klima in Deutschland nachhaltig verändert. Umweltschutz wurde zu einem Thema, mit dem zuerst Wahlen zu gewinnen und dann Geschäfte zu machen waren, also etwas, was von Politik und Wirtschaft nicht länger ignoriert werden konnte. Hierbei erwies sich die Industrie innovationsfeindlicher als die Politik: die Förderung regenerativer Formen der Energiegewinnung, eine Leitvorstellung der rot-grünen Koalitionsregierung Ende der neunziger Jahre, wurde heftig kritisiert und von vielen als Irrweg der Industrieentwicklung abgetan. Zehn Jahre später ist Deutschland in diesem Bereich Weltmarktführer und scheint damit - wenn auch widerwillig - einen Goldesel großgezogen zu haben. Die Kostbarkeiten, mit denen die deutsche Industrie heute ihre Messestände füllt, sind ihr nicht aus eigener Einsicht zugewachsen.

Noch einmal Michael Kahn-Ackermann, der Organisator der Kampagne:

„Deutschland wird als Land erstklassiger, zuverlässiger Technologien und Produkte wahrgenommen. Der Begriff ‚deutsch’ dient in der Werbung hierzulande als Adjektiv für Qualität auch für nicht-deutsche Waren. Zugleich sind wir aber leider in der chinesischen Wahrnehmung ein eher farbloses Land. Bei einem Farbtest haben chinesische Studenten Deutschland überdurchschnittlich oft die Farbe Grau zugewiesen. Ich hoffe, dass ‚Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung’ diese Farbskala erweitern wird."

Interessant, einladend und bunt ging es in Nanjing zu, aber es fehlte noch der Tupfer, der den Anteil der Bürger an der bunten Warenwelt erspüren ließe: nicht ihre Rolle als Konsumenten oder Empfänger technischer und finanzieller Wohltaten, sondern als Motor wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung. Aber das wird vielleicht im Frühjahr 2008 in Guangzhou zu sehen sein, auf der nächsten Station der Deutschlandpromenade.

     1   2  3  


Kurze Nachrichten


Wirtschaft
Top-Services
Hotel
Routenplaner
Wechselkurs
Rent a car
City Apartments Vermietung
Reise durch China
Schreiben Sie an uns
Aboservice
Wetter
Über Beijing Review | Über Beijing Rundschau | Rss Feeds | Kontakt | Aboservice | Zu Favoriten hizuf ügen
Adresse: BEIJING RUNDSCHAU Baiwanzhuanglu 24,
100037 Beijing, Volksrepublik China