17-01-2008 Beijing Rundschau
Öffentlicher Raum in China - Ein Projekt angehender Architekten
Von Matthias Mersch

Die Förderung des Jugendaustausches ist ein neuer Schwerpunkt in den Beziehungen zwischen China und Deutschland. Nanjing liefert ein Beispiel für die Begegnung junger Chinesen mit jungen Deutschen bei kreativer Arbeit an einem gemeinsamen Projekt.



Professor Stefan Meyer-Miethke von der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (FH) hat von Mai bis Oktober 2007 in Nanjing einen insgesamt sechswöchigen Workshop mit achtzehn chinesischen und achtzehn deutschen Architekturstudenten geleitet.

Das Thema war klar: ein Platz im Zentrum von Nanjing zwischen dem alten Präsidentenpalast und der neuen Stadtbibliothek sollte gestaltet werden. Allerdings eher als eine Trockenübung: denn der Platz war gerade fertiggestellt worden, eine Neugestaltung erübrigte sich also. Dem Enthusiasmus der Studenten tat dies keinen Abbruch. Übung macht den Meister und es ist das Schicksal auch des ausgewachsenen Architekten, dass seine Wettbewerbsbeiträge meist nicht realisiert werden.

In China ist alles im Fluss. Ein Platz aber ist ein Platz, eine Aussparung, eine Lücke im sich schnell verändernden Raum chinesischer Städte. Die Studenten arbeiteten über den vielzitierten „öffentlichen Raum". Einen Platz zu gestalten setzte im Workshop ein Forschen über das Funktionieren und die Möglichkeiten des öffentlichen Raums voraus. So kam es, dass der Professor seine Studenten erst einmal auf den Platz setzte, bevor er sie ans Entwerfen ließ. Jeder Student musste eine Nacht auf dem Platz verbringen und tagsüber Passanten nach ihren Gewohnheiten befragen: wie nutzen Sie den Platz, halten Sie sich gerne hier auf? Es ist Ihnen angenehm oder unangenehm, den Platz zu überqueren? Wann gehen Sie auf den Platz? 24 Stunden des Beobachtens und der Selbstbeobachtung. Was ist der Platz und welche gestaltenden Eingriffe wären ihm und den Bürgern der Stadt zuträglich?

Der Daxinggong-Platz ist mit seinen 15. 000 Quadratmetern kein kleiner Platz, aber es ist auch nicht so, dass man sich auf ihm verlaufen könnte. Wenn moderne chinesische Städte überhaupt ein definiertes Zentrum aufzuweisen haben, so gilt dies für Nanjing und diesen zentralen Platz in exemplarischer Weise. Auf den wurden die Studenten losgelassen. Sie organisierten sich in Teams zu jeweils drei Chinesen und drei Deutschen. Man traf sich zum Workshop dreieinhalb Wochen im Mai, zwei Wochen im Sommer zur Ausarbeitung der Konzepte, und eine letzte Woche Ende Oktober zur Realisierung eines Modells im Maßstab 1:1. Alle Studenten waren im dritten und vierten Studienjahr: „Die wussten schon was, sind aber auf der anderen Seite auch noch sehr offen, um Neues zu erfahren," sagt Meyer-Miethke.

Im Prozess der Annäherung, die das gemeinsame Arbeiten mit sich brachte, gab es für jeden erstaunliche Entdeckungen zu machen. Auffälliger als unterschiedliche Bautraditionen waren da zunächst einmal unterschiedliche Denktraditionen: Weil die Gruppen gemischt waren, musste man sich austauschen und durch Kompromisse eine Lösung finden, zu der alle Gruppenmitglieder stehen konnten. Ihrem Professor vermittelte sich dabei der Eindruck, dass die chinesischen Studenten weichere Formen und geschwungene Linien bevorzugten, während ihre deutschen Kommilitonen eher für klare, scharfe Linien waren. Aber das galt natürlich nur in der Tendenz, nicht im ausschließlichen Sinne: die Geschmacksgrenzen verliefen nicht so eindeutig entlang der Nationalität der Studenten.

„Man braucht gar nicht viel zu erzählen, die Studenten merken schon, worin ihre Unterschiede liegen und wo sie Gemeinsamkeiten haben. Die Übereinstimmungen habe ich auch schon in den USA bemerkt: überall wo man hinkommt auf der Welt, sprechen die Architekten eigentlich dieselbe Sprache. Was ich hier in Nanjing erzähle, verstehen die Studenten genauso wie in Deutschland und den USA. Es gibt zwar kulturelle Unterschiede, aber es gibt auch sehr vieles, was alle miteinander teilen. Das war im Grunde genommen das Wichtigste, was wir mit diesem Projekt erlebt haben. Es gibt eine gemeinsame Sprache."

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