19-02-2008 Beijing Rundschau
Plastiktüten-Blues oder eine kurze Geschichte des Mülls
von Matthias Mersch

"Wenn bei uns daheim Schoroo ist, fliegen rund ums Ger Plastiktüten in die Luft”, so beginnt der Roman "Kurzer Abriss meines Lebens in der mongolischen Steppe” der tschechischen Schriftstellerin Petra Hůlová. Die Plastiktüte ist längst in der Literatur und längst in der Mongolei angekommen. Sie ist ein Problem ohne Grenzen: Stadt, Land, Fluss und Meer sind davon betroffen. Angeblich wurde sie auch schon im All gesichtet, ausgesetzt von der nachlässigen Besatzung einer Raumstation. In Afrika und Asien sind die über die Landschaft verstreuten Tüten nicht nur hässlich, sondern sie gefährden Pflanzen, Tiere und Leben und Gesundheit der Menschen: in Malariagebieten werden sie zu Brutstätten der Anopheles-Mücke, in Bangladesh gibt man ihnen Mitschuld an Überschwemmungs-katastrophen, weil sie die Abwasser-systeme verstopfen. Dort und in einigen afrikanischen Ländern hat sich die Plastiktüte bereits ein Totalverbot eingehandelt. Aber sie vermehrt sich doch: jedes Jahr werden schätzungsweise 500 Milliarden Stück produziert. Das Ausgangsmaterial der Tüten ist Polyethen oder volkstümlich Polyethylen, als Kürzel PE. 29 Prozent aller Kunststoffe sind aus Polyethen gefertigt, 52 Millionen Tonnen wurden im Jahre 2001 hergestellt. Natürlich verwandelt sich nicht alles davon in Plastiktüten, sondern in zahlreiche Arten von Verpackungen, selbst in Wasserrohre, Isolierungen für Kabel, Zahnräder, Implantate und - zum strapazierfähigsten aller Kunststoffe veredelt - in einen tauglichen Zwirn für das Zunähen nach chirurgischen Eingriffen. Seine erstaunliche Unverwüstlichkeit ist es gerade, die ihn so unbeliebt macht bei Politikern und Müllentsorgern. PE verrottet praktisch nicht, unter Sonnenlicht wird es zwar brüchig, aber keinesfalls zum Verschwinden gebracht. Die Herstellung ist einfach, das Ausgangsmaterial geradezu trivial: Wasserstoff und Kohlenstoff. Letzterer wird aus Erdöl gewonnen und dies könnte einer der Gründe sein, warum man sich immer häufiger darüber Gedanken macht, seine Produktion nicht noch mehr ausufern zu lassen.

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