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19-02-2008 Beijing Rundschau
Plastiktüten-Blues oder eine kurze Geschichte des Mülls
von Matthias Mersch
Müllentsorgung in Deutschland Es fällt auf, dass in Deutschland wenig von einem Verbot der Plastiktüte gesprochen wird. Ein Grund dafür mag darin liegen, dass in der Bundesrepublik Plastiktüten bereits in den siebziger Jahre zu einem Symbol der sogenannten „Wegwerfgesellschaft" geworden sind und entsprechend in Verruf gerieten. Zwei Daten sind in diesem Zusammenhang von Bedeutung: 1972 das Erscheinen der Studie „Die Grenzen des Wachstums" im Auftrag des Club of Rome und 1973 die Ölkrise, die dem Bundesbürger durch eine Einschränkung seiner automobilen Beweglichkeit drastisch vor Augen führte, dass Benzin vielleicht nicht ewig aus den Zapfsäulen der Tankstellen sprudeln wird. Heute werden in Deutschland pro Jahr ca. 50.000 Tonnen Polyethen zu Tragetaschen verarbeitet, wozu die doppelte Menge an Rohöl benötigt wird. Jene 100.000 Tonnen entsprechen immerhin 0,08 Prozent des gesamten Rohölverbrauchs Deutschlands. Diese Menge erscheint noch immer beträchtlich, relativiert sich aber, wenn man bedenkt, dass 1966 mit 66.175 Tonnen deutlich mehr Polyethen zu Plastiktüten verarbeitet wurde als heute. Gar nicht zu reden von den 339.071 Tonnen, die 1978 auf dem Höhepunkt des Plastik-Booms zu Tüten geblasen wurden. Der Rückgang verdankt sich wohl weniger dem flotten Aufruf „Jute statt Plastik!", der zum Symbol des westdeutschen Zeitgeistes der frühen achtziger Jahre wurde, während die DDR ihren Fortschrittsbegriff noch an das Lob für „Plaste und Elaste" knüpfte und dies auf großen Plakaten an den Transitstrecken nach Berlin stolz zur Schau stellte (andererseits hatte die DDR mit dem SERO bereits Jahrzehnte vor der Bundesrepublik ein effektives System zum Recycling von Wertstoffen). Für den Rückgang der Tütenproduktion dürfte eher die Tatsache entscheidend gewesen sein, dass die Tüten seit den achtziger Jahren in Supermärkten nicht mehr kostenlos abgegeben wurden. Heute muss man für eine Tüte mindestens 0,15 EUR zahlen. Der deutsche Konsument verbraucht von diesen Tüten angeblich nur noch 42 Stück im Jahr und nutzt statistisch gesehen eine Tüte genau 3,2 mal. Die Ölkrise und die Studie des Club of Rome trugen wesentlich zu einem Bewusstseinswandel bei, der die Menschen Abschied nehmen ließ von der Gewissheit, durch technischen Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum einen immerwährenden Wohlstand und die Lösung der Weltprobleme zu erlangen. Es dauerte freilich viele Jahre, bis den Bürgern klar war, dass der Schutz der Umwelt auch einen eigenen Beitrag erfordert, der nicht nur mit Geld sondern mit einer Änderung von Verhaltensweisen zu tun hat. Schon im Jahre 2002 fielen in Beijing täglich 10.000 Tonnen Müll an. Das Müllproblem in China ist heute augenfällig vor allem durch das Fehlen einer flächendeckenden Abfuhr und Entsorgung des Mülls. In der unmittelbaren Umgebung von Dörfern und an Stadträndern wird der Müll wild deponiert und vom Wind in der Landschaft verstreut. Davon kann sich jeder ein Bild machen, der auch nur mit der Eisenbahn von Beijing nach Tianjin fährt. Die Plastiktüte ist hier zum negativen Symbol eines wirtschaftlichen Aufschwungs geworden, dem keine Müllbeseitigung auf gleichem Niveau entspricht. Dass sich Bewusstseinswandel aber auch in China vollzogen hat, kann ich aus eigener Erfahrung berichten. Erstmals war ich 1984 mit der Eisenbahn im Lande unterwegs. Damals wurden in den Zügen Lunchpakete verkauft, die Essen in einer Schachtel aus Pappe enthielten, über die eine Plastikfolie gestreift war. Käufer und Zugpersonal entsorgten die Verpackungen bedenkenlos durch die Abteilfenster. Vor meinem an jahrelanger „Müllaufklärung" geschulten geistigen Auge sah ich voller Entsetzen Müllberge aus unverrottbarem Plastik sich längs der Bahndämme auftürmen. Mein Prophetenblick trog nicht: es entstanden diese Gebirge denn auch in Wirklichkeit. Heute sind diese Berge aber längst abgetragen und unwahrscheinlich ist es, dass sie je wieder erstehen. Obwohl, wer weiß: in Deutschland stieg das Bewusstsein gegen Ende der achtziger Jahre von einmal erklommener Höhe wieder hinab in die Niederungen der Alltagsbequemlichkeit: es galt mit einem Male als „unmodern", den Müll zu trennen, also Glas, Metall, Kunststoff und Papier getrennt zur Abfuhr bereitzustellen. Das Abfallgesetz aus dem Jahre 1991 war vielleicht auch eine Reaktion auf diesen Trend, der ganz automatisch zu wachsenden Hausmüllbergen führte. Eine Neuordnung schien aber auch durch die Wiedervereinigung der beiden deutschen Teilstaaten geboten. Es wurden der „Grüne Punkt" und der „Gelbe Sack" eingeführt, die beiden seither unzertrennlichen Freunde der Abfallwirtschaft. Für Abfälle galt nun das Motto „Vermeidung, Verwertung, Beseitigung". Bevorzugt werden sollten Vermeidung und Verwertung, war das nicht möglich, durfte beseitigt werden und zwar auf eine für die Umwelt möglichst schonenden Weise. Es galt das Verursacher- oder Produzentenprinzip, das heißt verantwortlich für die Entsorgung sollte der Hersteller bzw. der Auftraggeber der Verpackung sein. Es wurde eine GmbH gegründet, die entsprechende Abgaben der Hersteller verwaltet und für die Abfuhr und Wiederverwertung des eingesammelten Mülls verantwortlich zeichnet. Die heute dafür aufgebrachten Mittel belaufen sich auf rund 1,6 Milliarden Euro pro Jahr. Diese Abgaben der Hersteller werden natürlich über den Verkaufspreis der Waren an die Konsumenten weitergereicht, die zusätzlich fünf Milliarden Euro für die Müllabfuhr an ihre Wohngemeinden entrichten. Tritt eine Firma dem Konsortium bei, so werden die Umverpackungen ihrer Produkte mit dem „grünen Punkt" bedruckt, das unverkennbare Zeichen für den Verbraucher, dass er die Verpackung in den „gelben Sack" zu spedieren habe: ein langer Lulatsch, transparent, von hellgelber Farbe und im Übrigen von gleichem Plastikfleische wie sein kleinerer Verwandter, die Plastikeinkaufstüte. Von kleinen regionalen Unterschieden abgesehen bildet der „gelbe Sack" gemeinsam mit der blauen Papiertonne, der braunen „Biotonne" und der „Restmülltonne" das Planetensystem der deutschen Müllentsorgung, genannt „Duales System". In den Sack wandern Kunststoffverpackungen, Metalle wie Kronkorken, Konserven- und Bierdosen und Getränkeflaschen aus Kunststoff. Glas wird in eigens aufgestellten Containern auf öffentlichem Grund sortiert nach seiner Farbe gesammelt, in die Biotonne kommen biologisch abbaubare Küchen- und Gartenabfälle. In die Restmülltonne wird der Rest gegeben: alles, was nichts in der Umlaufbahn der anderen Planeten zu suchen hat, aber keinesfalls zu verwechseln ist mit „Sondermüll", der, weil meist hochgiftig, einer besonders sorgfältigen Beseitigung unterliegt oder ihr zumindest unterliegen sollte. |
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