19-02-2008 Beijing Rundschau
Plastiktüten-Blues oder eine kurze Geschichte des Mülls
von Matthias Mersch

 

Der Streit um das Duale System

Grüner Punkt und Gelber Sack hatten kaum das Licht der Welt erblickt, da setzte schon Kritik an ihnen ein, die bis heute nicht verstummt ist.

- nur ein geringer Prozentsatz des alljährlich in Deutschland produzierten Kunststoffes greife als Rohstoffquelle auf den Inhalt des gelben Sacks zurück.

- Das System der Mindestquote beim Recycling von Kunststoffen führe dazu, das längst nicht aller verwertbarer Kunststoff aus dem gelben Sack einer Wiederverwertung zugeführt wird. Der größere Rest werde verbrannt, also genauso wie Restmüll behandelt.

- Kunststoffe aus dem gelben Sack werden in der Regel nicht zu Produkten gleichwertiger Qualität recycelt, sondern „downcycelt", also in Produkte minderer Qualität verwandelt.

- die einfache Entsorgung von Getränkebehältern, Bierdosen aus Alublech, Limonadenflaschen aus PET durch den gelben Sack trübe den Blick des Verbrauchers für die Tatsache, dass die Rückgabe wieder verwendbarer Flaschen aus Glas die ökologisch sinnvollere Alternative zum Kauf von Getränken aus Einwegflaschen ist.

- Rund ein Viertel aller im Handel befindlichen Verpackungen tragen heute keinen grünen Punkt, „Trittbrettfahrer" nützen also das System, um zu einer für sie kostenfreien Entsorgung zu gelangen.

- dem gelben Sack fehle es an Logik, was dem Verbraucher kaum zu vermitteln sei: weil der Sack lediglich Verpackungsmaterial enthalten dürfe, müsse man eine zerbrochene Kunststoffschale im Restmüll entsorgen, obwohl sie aus dem gleichen Material hergestellt sei, wie Verpackungsmaterial, das zurecht in den gelben Sack wandert.

- moderne Sortieranlagen seien heute in der Lage preisgünstiger und effektiver die Arbeit zu leisten, die man 1991 an den Verbraucher delegiert habe. Eine Trennung zwischen Restmülltonne und gelbem Sack sei heute also hinfällig geworden.

Die seit 1991 wechselnden Regierungen der Bundesrepublik sind sich jedoch alle darin einig, dass das „duale System" ein exportierbares Erfolgsmodell sei und halten den Kritikern entgegen:

- durch das duale System sei die Restmüllmenge um ein Fünftel reduziert worden.

- die Mülltrennung habe zu einer Verbesserung des Umweltbewusstseins geführt und die Erkenntnis verbreitet, dass Abfall ein wertvoller Rohstoff sein könne.

- die Verbringung von unbehandeltem Müll auf Deponien sei in Deutschland zum Stillstand gekommen. Dadurch werde die Qualität des Grundwassers und der Böden nicht länger beeinträchtigt. Die durch den Verzicht auf Deponierung des Mülls verhinderte Freisetzung von Fäulnisgasen trage in erheblichem Maße zur Reduzierung von CO2-Emissionen bei und helfe dem Lande dabei, sein Ziel eines verminderten Ausstoßes dieses so genannten „Treibhausgases" zu verwirklichen.

- Dem Problem der „Trittbrettfahrer" sei durch eine verbesserte Gesetzgebung zu begegnen, welche eine Teilnahme aller Unternehmen am System des grünen Punktes sicherstelle.

- eine restlose Verwertung aller gesammelten Kunststoffe erweise sich als unwirtschaftlich. Oft sei eine energetische Nutzung des Mülls, also seine Verbrennung zur Strom- oder Wärmegewinnung, die ökologisch sinnvollere Alternative.

- das Problem des „Downcyceln" stelle sich nicht in großem Umfang und müsse von Stoffgruppe zu Stoffgruppe differenziert betrachtet werden.

- die Kapazitäten vorhandener Müllsortieranlagen reichten nicht aus, um auf das Sammeln der Verpackungsabfälle verzichten zu können.

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