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19-02-2008 Beijing Rundschau
Plastiktüten-Blues oder eine kurze Geschichte des Mülls
von Matthias Mersch
Die Suche nach der Müllwahrheit Die Wahrheit in den Tatsachen zu finden ist auch hier ein mühsames Unterfangen. Zwar haben Entscheidungen auf dem Felde der Abfallpolitik erhebliche Konsequenzen für die Lebensqualität der Bürger, folgen aber dem Prinzip, dass Politik vor allem symbolisches Handeln ist: ich handle, also zeige ich Entschlossenheit. Die meisten Menschen wollen ihren Müll einfach nur loswerden, wobei im Alltag die Formel gilt: aus den Augen aus dem Sinn. Die unangenehme Tatsache, dass eine möglichst ungefährliche Beseitigung nur unter dem Aufwand beträchtlicher finanzieller Mittel zu erlangen ist, bleibt schwer vermittelbar. Da liegt es nahe, dass zu symbolischem Handeln gegriffen wird, das auf den ersten Blick als Beitrag zu aktivem Umweltschutz erscheint. Fördert man zum Beispiel die Herstellung von Papiertüten anstelle von Plastiktüten, so hat man durch die Kompostierbarkeit von Papier zwar einen ökologischen Vorteil erzielt, in der Ökobilanz insgesamt aber die offenbar nachteiligere Variante gewählt. Das zumindest legt eine Studie des Bundesumweltministeriums aus dem Jahre 1988 nahe. Mit feiner Ironie hat sich ein in Deutschland sehr bekanntes Versandhaus für Bücher und Musik einen Reim darauf gemacht. Er ist im Bodenfalz seiner Plastiktüten abgedruckt: "Warum unsere Tüten aus Plastik sind: Weil sie aus 100% recyceltem Plastik gemacht sind. Wir haben uns belehren lassen, dass Tragetaschen aus 100% Recycling-Material mindestens 18mal recyclebar sind, Papier höchstens 6mal. Die Recycling-Folie entsteht unter geringerem Energie- und Wasseraufwand als bei der Herstellung von Papiertüten verbraucht wird. Angesichts des riesigen Berges an Plastikmüll und dem Klagen der Recycling-Industrie darüber, dass sie nicht weiß, wohin damit, erscheint uns die Wiederverwertung des Rohstoffs für Tragetaschen als vernünftige Alternative. Bis uns wieder jemand eines Besseren belehrt.” Der sachgerechte Umgang mit Abfall wirft Fragen auf, die nur zu lösen sind, wenn man die Müllentsorgung einer systematischen Betrachtung unterwirft. Eine Plastiktüte mag zwar „mindestens 18mal recyclebar" sein, aber wird sie überhaupt so oft wieder in den Stoffkreislauf eingespeist? Bei der Ausschreibung einer großen Lieferung von Säcken aus PE für ein Wiener Klinikum wird zum Beispiel eigens darauf hingewiesen, dass ausschließlich Tüten akzeptiert würden, die nicht aus recyceltem Material hergestellt seien. Ist es kostengünstiger, Plastik als Brennmaterial zu „verwerten" oder zu recyclen? Wie schlägt sich das Kostenargument in der Ökobilanz nieder? Was weiß man, wenn man weiß, dass eine Tonne Hausmüll denselben Brennwert hat wie 200 Liter Erdöl? Das man Öl einsparen kann, um es zur Herstellung von PE wieder zu verbrauchen? Trotz deutlich verbesserter Filteranlagen bei Müllverbrennungsanlagen und Kraftwerken werden bei der energetischen Nutzung von Müll nach wie vor giftige Stoffe in die Umwelt entlassen, wie schwer aber wiegt dies gegenüber der Umweltbelastung durch Mülldeponien? |
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