19-02-2008 Beijing Rundschau
Plastiktüten-Blues oder eine kurze Geschichte des Mülls
von Matthias Mersch

Die europäische Dimension

Die Bundesregierung betont immer wieder voller Stolz, dass sie in Europa eine Vorreiterstellung einnehme in Sachen zeitgemäßer Müllentsorgung mit der weltweit höchsten Verwertungsquote. Deshalb war es der Regierung auch ein besonderes Anliegen, während der deutschen Ratspräsidentschaft in Brüssel im Jahr 2007 ein modernes Abfallkonzept für Europa zu lancieren. Eine so genannte „5-stufige Abfallhierarchie" wurde geschaffen und soll nun umgesetzt werden: Vermeidung vor Recycling, Recycling vor stofflicher Verwertung und stoffliche Verwertung vor sonstiger Verwertung durch Verbrennung und Beseitigung. Das Konzept ist nicht unumstritten, vor allem nicht bei denjenigen, die wie Bayern in den letzten Jahren ihre Kapazitäten zur Verbrennung von Müll ausgebaut haben. Die „Abfallhierarchie" mag vernünftig sein, aber sie ist weitgehend Zukunftsmusik: selbst in Deutschland entsteht jedes Jahr mehr Müll, auch wenn er womöglich auf vorbildliche Weise durch hohe Recyclingquoten entsorgt wird. 2005 betrug die deutsche Müllmenge rund 332 Millionen Tonnen, davon Hausmüll etwa 47 Millionen Tonnen. In der EU werden jährlich mehr als zwei Milliarden Tonnen Abfall produziert, dass sind 500 Kilo Müll pro Europäer, auch wenn sein Haushaltsmüll dabei weitaus geringer zu Buche schlägt. Das Bruttoinlandsprodukt der EU ist seit 1990 um 22 Prozent gestiegen, das Abfallaufkommen aber um 26 Prozent. Die Praxis der Entsorgung dieser wachsenden Müllberge ist ebenso uneinheitlich wie unbefriedigend: nur 33 Prozent des Abfalls werde verwertet, 67 Prozent aber beseitigt. Die Bundesregierung behauptet zwar, dass es Deutschland gelungen sei, das Wachstum der Müllberge vom Wirtschaftswachstum zu entkoppeln, aber das ist kaum mehr als Augenwischerei: die absolute Abfallmenge wächst auch in der Bundesrepublik. Der Wert des „Dualen System" bleibt umstritten. Die überzeugendsten Erfolge verzeichnet die Recyclingwirtschaft nämlich gerade in den Bereichen, die lange vor dem grünen Punkt und dem gelben Sack existiert haben: Altglassammlung und Papier- und Pappeverwertung. Dort liegen die Recyclingquoten bei fast 100 Prozent.

Es fällt ein ungünstiges Licht auf den selbsternannten Musterknaben der europäischen Abfallentsorgung: Deutschland hat Widerstand angekündigt gegen den Plan der französischen Regierung, bis zum Jahr 2010 alle Plastiktüten zu verbieten und die Verwendung von Einkaufstüten aus kompostierbarem Material zu fördern. Dies sei ein Verstoß gegen die Regeln der Marktwirtschaft und des Freihandels. Mit anderen Worten: die deutsche Verpackungsindustrie will es sich nicht nehmen lassen, Plastiktüten europaweit in den Handel zu bringen. Unabsichtlich erinnert die Bundesregierung daran, dass die Wurzeln der Europäischen Union in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft liegen, wirtschaftliche Interessen also im Zweifelsfall schwerer wiegen als der Schutz der Umwelt. Aber vielleicht kann darin auch gerade die Chance für das Recycling liegen. Angesichts steigender Rohstoffpreise verspricht die Trennung von Wertstoffen aus dem Müll ein immer besseres Geschäft zu werden. Somit scheint sich nun der Kreis zu schließen zum SERO, das vor fast sechzig Jahren in der DDR aus der Not der Ressourcenknappheit geboren war.

Ist eine Einschränkung des Gebrauchs der Plastiktüte eine sinnvolle Maßnahme? Ich meine ja, daher ist die Entscheidung der chinesischen Regierung vernünftig zu nennen. Soviel aber dürfte klar geworden sein, dass eine einzelne Bestimmung nur dann wirksam werden kann, wenn sie als Teil eines Gesamtkonzeptes zur Müllvermeidung, Verwertung und Beseitigung verstanden wird. Dazu gehört in China in erster Linie eine Aufklärung des Bürgers über Form und Inhalt einer zukunftsweisenden Abfallwirtschaft und die flächendeckende Implementierung einer modernen Müllentsorgung. Ich gebe zu, dass ich persönlich die kostenlosen Plastiktüten chinesischer Supermärkte schätze, denn sie sind von guter Qualität und lassen sich als Mülltüten einer Zweitverwertung zuführen. Ich frage mich, ob die Mülltüten aus PE, die in den Warenhäusern zum Verkauf angeboten werden, eine bessere Ökobilanz aufzuweisen haben.

Am 24. September 2007 sagte Dr. Thomas Rummler, Ministerialdirigent aus dem Bundesumweltministerium, auf der Berliner Abfallwirtschafts- und Energiekonferenz über die Exportierbarkeit von Konzepten zur Müllentsorgung und moderner Abfalltechnologie: „Diese Exportschlager resultieren aus dem Erfindungsreichtum, der technologischen Kompetenz und dem Wettbewerb in unserer Marktwirtschaft. Sie resultieren aber durchaus auch aus dem hierzulande gepflegten offenen Dialog, der Transparenz von Auseinandersetzungen und der gründlichen wissenschaftlichen Begleitung." Ich denke, er hat damit sehr gut die Quelle der Misserfolge aber eben auch der unleugbaren Erfolge der deutschen Abfallwirtschaft der letzten 35 Jahre auf den Begriff gebracht.

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