|
11-10-2007 Beijing Rundschau
Die Freiheit der Wahl
Von Feng Jianhua
Sicherlich hat die Wiederherstellung des Systems der Aufnahmeprüfung zur Hochschule viel zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung Chinas beigetragen. Heute aber ist das Verfahren wachsender Kritik ausgesetzt. Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Mängel des Auswahlverfahrens? Es ist nicht am grundsätzlichen Wert des Verfahrens zu zweifeln. Die beiden Hauptprobleme liegen darin, dass eine einzige Prüfung über die Zukunft eines jungen Menschen entscheidet, und alle sich einer und derselben Prüfung unterziehen müssen. Hinzu kommt, dass weder die Hochschulen noch die Schüler bei der Auswahl der Studenten bzw. bei der Wahl der Hochschule über ein ausreichendes Maß an Selbstbestimmung verfügen. Außerdem bevorzugen immer mehr Hochschulen die Aufnahme von Studenten aus dem lokalen Umfeld. Willkürliche Bonusregelungen haben die Verteilung von Studienplätzen undurchsichtig gemacht und der Korruption Tür und Tor geöffnet.
Aber das Hochschulaufnahmeverfahren wird doch laufend verändert. Wie bewerten Sie die Ergebnisse dieser Reformen? Die bisherigen Reformmaßnahmen konzentrieren sich zu sehr auf die Zusammenstellung der Prüfungsfächer. Man hat auch versucht, Schülern mehr Chancen zur Teilnahme an der Aufnahmeprüfung zu gewähren. So findet seit 2000 die Hochschulaufnahmeprüfung zweimal im Jahr statt. Aber die zusätzliche Aufnahmeprüfung im Frühling beschränkt sich auf eine Reihe privater oder berufsbildender Hochschulen, ist also für die Mehrzahl der Schüler ohne Bedeutung.
Könnten ausländische Erfahrungen für die Reform des Hochschulaufnahme-verfahrens ein Vorbild sein? China darf zwar nicht blind den ausländischen Modellen folgen, aber nützliche Anregungen können sie uns sehr wohl vermitteln. Man könnte sich zum Beispiel am TOEFL-Test in den USA orientieren und eine allgemeine Englischprüfung einführen, die nicht Teil der Hochschuleingangsprüfung wäre. Die Universitäten könnten dann in eigener Regie darüber entscheiden, wie sie diesen Test gewichten und für die Zulassung zum Studium berücksichtigen wollen. Einen derartigen Test zu entwickeln ist nicht besonders kompliziert, es kommt vor allem darauf an, ob man den Willen zur Reform hat.
Im neuen Konzept werden die Selbstbestimmungsrechte sowohl von Hochschulen als auch von Schülern sehr hervorgehoben, warum? Diese beiden Rechte, insbesondere das Recht von Schülern auf die Wahl der Hochschule, sind lange Zeit in China ignoriert worden. Bislang müssen viele Schüler die Wahl der Fachrichtung dem Zufall überlassen, wenn sie keinen Studienplatz in der von ihnen bevorzugten Fachrichtung bekommen haben. Das hat dazu geführt, dass etwa 40 Prozent der Studenten ihr Hauptfach eigentlich nicht mögen. Eine wichtige Ursache für ihren Widerwillen liegt in der mangelnden Freiheit ihrer Studienwahl. Erst wenn das Recht der Schüler auf die freie Wahl ihrer Hochschule und Fachrichtung endlich respektiert würde, könnten die Hochschulen ihre Dienstleistungen für motivierte Studenten ausbauen. Eine bedeutende Änderung hat sich dadurch ergeben, dass es Hongkonger Universitäten nun erlaubt ist, Studenten vom Festland aufzunehmen. Diese Hochschulen sind also mit renommierten Universitäten wie der Peking-Universität und der Tsinghua-Universität in einen Wettbewerb um hochbegabte Studenten getreten. Das hat dazu geführt, dass diese Unis bereits ihren Service verbessert haben und hochbegabten Schulabsolventen nicht nur bei ihrer Karriereplanung helfen, sondern ihnen auch Stipendien gewähren, um sie dadurch als Studenten zu gewinnen. |
| Adresse: BEIJING RUNDSCHAU Baiwanzhuanglu 24, 100037 Beijing, Volksrepublik China |