02-11-2007 Beijing Rundschau
Ein Jahr Beijing - zwischen damals und heute
Von Ricky v. Kanne und Xu Bei
„Beijing ist ein Teil meiner Geschichte und meines Lebens. Und für mich ist es sehr wichtig, dass meine Kinder und mein Mann Teil dieser Geschichte werden und wissen, wo ich herkomme“, sagt Yi Li, die nach 20 Jahren mit ihrer Familie für ein Jahr in Beijing zurückgekehrt ist.
Li wurde 1964 in Ningbo, Provinz Zhejiang, als Tochter einer Universitätsprofessorin für Chinesische Literatur und eines Sozialwissenschaftlers, geboren. Wie es zu jener Zeit sehr typisch war, lebte sie bei ihrer Mutter in Südostchina, während ihr Vater in Beijing war. Die Ferien ihrer Kindheit hatte Li oft bei ihrem Vater in einem Beijinger Hutong verbracht, und Beijing hatte einen tiefen Eindruck auf ihre Jugend gemacht: „Beijing empfand ich immer als sehr, sehr schön. Das Nachbarschaftsleben in einem Hutong war sehr ausgeprägt. Es gab immer Kinder, mit denen man spielen konnte, man war nie allein und alle hatten sich unterstützend unter die Arme gegriffen. Es gab eine einzigartige zwischenmenschliche Nähe, und das Leben spielte sich zum größten Teil auf der Straße ab“, erinnerte sich Li.
Eine Szene in einem Hutong in Beijing Im Alter von dreizehn Jahren zog Li zu ihrem Vater. Beijing, Chinas Kunst- und Kulturzentrum, eröffnete ihr ganz neue Möglichkeiten. Im Vergleich zu ihrer Heimatstadt gab es hier ein viel ausgebildeteres Kulturleben. Besonders prägend war für Li das vielfältige Kulturangebot in Beijing, darunter u. a. Ausstellungen internationaler Künstler in der „Nationalen Gemäldegalerie Chinas“, Theateraufführungen, Vorführungen ausländischer Filme an der Filmakademie und die großen Bibliotheken.
Nach dem Abschluss ihres zweijährigen Englischstudiums an der privaten Fremdsprachenuniversität Yanjing ging Li in die USA, um Kulturanthropologie zu studieren. Dennoch hat sie den Bezug zu Beijing nie verloren. Erst allein, und später mit ihrer Familie, besuchte sie oft Freunde und Verwandte hier und bekam so immer wieder einen neuen Eindruck von Beijing und den Veränderungen, die die Stadt durchlebte. Auch in der Zeit in Holzhausen, das bei Nieheim im deutschen Nordrhein-Westfalen liegt, ist dieser Kontakt bestehen geblieben. Seit der Hochzeit mit Johann von der Borch lebt sie auf dem Landwirtschaftsbetrieb Gut Holzhausen, das seit 1464 in Familienbesitz ist. Auch hier konnten sie ihr Interesse für Kunst und Kultur in besondere Projekte umwandeln und so starteten sie neben der Landwirtschaft einige Projekte, wie einen jährlich stattfindenden Weihnachtsmarkt, den „Nieheimer Kunstpfad“ und das jährliche „KulturGut“ (www.kulturgut-holzhausen.de ).
Li wollte ihrer Familie schon immer gerne einen Teil ihrer Geschichte vermitteln. Das „Projekt Beijing“ hatte eine lange Anlaufphase, denn es musste viel geplant werden. Bereits im Jahr 2003 wollte Li mit ihren beiden Kindern, Adrian, damals zehn Jahre alt, und der dreijährigen Mila, für ein Jahr nach Beijing gehen, aber auf Grund der Infektionskrankheit SARS mussten sie nach nur zwei Monaten den Aufenthalt in Beijing abbrechen. „Unser Leben war bei diesem ersten Aufenthalt sehr chinesisch. Wir hatten zu dritt in einer kleinen Wohnung gelebt. Mila ging in einen chinesischen Kindergarten und Adrian in eine chinesische Schule, in der er auf Grund seiner dunklen Haare und seiner Brille immer Harry Potter genannte wurde“, erinnerte sich Li lachend. Auch nachdem der erste Versuch, in Beijing zu leben, nicht erfolgreich gewesen war, so war für die ganze Familie klar, dass sie das „Projekt Beijing“ keinesfalls aufgeben würde.
„Die Zeit ist besonders jetzt geeignet, weil sich zum Einen China, besonders Beijing, gerade in einer Reform- und Öffnungsphase befindet. Zum Anderen ist Adrian mittlerweile 14, daher ist es jetzt der günstigste Moment, damit die Kinder nicht nur meine Kultur und Geschichte kennen lernen, sondern auch mal etwas anderes als ihr behütetes Leben auf dem Hof erfahren können. Für mich ist es sehr wichtig, dass meine Kinder sehen, dass es in der Welt so viel mehr zu entdecken gibt“, erklärte Li. Dass auch Johann das Jahr mit seiner Familie hier verbringt, hat Li sehr darüber gefreut. „Er ist sehr offen, lernt intensiv Chinesisch und ist an der Kultur meines Mutterlandes sehr interessiert.“ Adrian und Mila gehen auf die Deutsche Botschaftsschule Peking, da „Adrian leider schon zu alt ist. Er hat in der chinesischen Schule zu viel verpasst und hätte nach seinem Aufenthalt zu viel aus der deutschen Schule nicht mitbekommen. Da in der Schule Deutsch die Unterrichtssprache ist und Englisch die erste Fremdsprache, fördern wir das Chinesisch unserer Kinder durch Privatunterricht bei uns zu Hause“, erklärte Li. Adrian nimmt seit einigen Wochen an dem wöchentlich stattfindenden Training des chinesischen Stadtfußballteams „Guo An“ teil. Er ist begeistert von seinem chinesischen Trainer und Mitschülern und freut sich sehr, dass er dadurch die Möglichkeit bekommt, etwas von der echten Kultur Beijings zu erleben.
Li hatte klare Vorstellungen und Erwartungen auf ihre Zeit in Beijing. „Ich wollte alte Freunde und meine Verwandten wiedersehen, meine Familie wollte die Sprache und die Stadt kennen lernen, die verschiedenen Aspekte der Gesellschaft erleben und verstehen, chinesische Kunst erleben und das Land bereisen. Jetzt, nach etwas über einem halben Jahr, merke ich, dass diese ganzen Pläne in nur einem Jahr nicht realisierbar sind.“ Zum Einen habe es sich hier in den letzten 20 Jahren ein tiefgreifender Wandel vollzogen, aber auch diese Stadt sei anders und distanzierter geworden, meinte Li. „Als ich noch vor ein paar Jahren zu Besuch kam, hatte ich viel Zeit mit meinen Freunden verbracht, wir hatten gekocht und einfach geredet. Jetzt wird alles viel hektischer. Die Leute kommen abends gestresst von der Arbeit und verbringen nicht mehr viel Zeit miteinander. Und an den Wochenenden sind sie lieber mit ihren Familien oder mit ihren Kindern, die sonst in einem Internat sind oder bei den Großeltern aufwachsen, zu Hause“, erklärte Li. Diesen Wandel kann man mit einem neuen Alltagsleben und mit der Veränderung des Stadtbildes begründen.
Vor zehn Jahren kam Li das erste Mal nach ihrer Zeit im Ausland wieder nach Beijing und ihr erster Gedanke war „weg“. „Ich bemerkte sofort, dass die Stadt ihren alten Charme verloren hatte, alles war grau in grau, viele Hochhäuser schlechter Qualität, die sich durch die Luft sofort schwarz gefärbt hatten.“ Doch jetzt, wieder zehn Jahre später, hat sich die Stadt sehr zum Positiven verändert. „Alles ist so anders geworden. Es gibt nicht mehr nur die klotzigen, schwarzen Hochhäuser, sondern architektonisch und qualitativ sehr interessante Bauwerke. Beijing ist eine moderne Stadt geworden“, sagte Li. Besonders von dem Kulturleben sei sie sehr überrascht gewesen. „Das Angebot an kulturellen Aktivitäten ist sehr breit. Es gibt Weltklassekonzerte, klassische Musikkonzerte aus Europa und Amerika, Ausstellungen mit Themen aus der ganzen Welt und es findet ein großer Dialog mit dem Westen statt.“ Doch es gibt auch Charakterzüge, die Li an dem neuen Beijing vermisst. „Die traditionelle chinesische Kunst, wie das Flötenmachen, das Herstellen einiger Arten von Spielzeugen usw. gilt nur als touristische kommerzielle Highlights.“
Eine weitere große Veränderung haben auch die Frauen durchlebt. „Die chinesischen Frauen sind so flott geworden. Sie sind sehr modebewusst, selbstbewusst und einfach emanzipiert, so dass ich mir manchmal schon wie eine Landfrau vorkomme“, sagte Li lächelnd. Sie sind auch sehr ehrgeizig geworden, und dadurch hat sich das Familienleben sehr verändert.
Eine schöne Erfahrung und Erinnerung daran, wie es damals in den Hutongs war, ist die Zeit, die die Familien gemeinsam im Park verbringen. „Es ist sehr herzlich, jeder redet mit jedem, es werden Neuigkeiten ausgetauscht, über Probleme diskutiert. All dies gibt uns ein Gefühl willkommen zu sein, Nachbarn und Freunde zu haben“, schwärmte Li. Es ist eine neue Art von Nachbarschaftsleben, die verdeutlicht, dass die Leute trotz der Schnelllebigkeit einer Großstadt immer noch das Bedürfnis und die Erinnerungen an das „alten Leben“ haben.
„Ich kann nicht sagen, welches Beijing mir besser gefällt. Beide haben ihr Flair, auch wenn sie unterschiedlich betrachtet werden müssen und kaum noch etwas miteinander zu tun haben. Jeder lebt mehr für sich, die Atmosphäre in den Hutongs hat sich verändert. Ich habe das alte Beijing geliebt, den Duft, die Nachbarn auf der Strasse und die Kleinigkeiten des Lebens. Aber das neue Beijing hat so viel zu bieten. Es ist sehr spannend, hat viel Dampf und ist einfach klasse“, sagte Li angeregt. Beijing biete endlose Möglichkeiten, so dass Menschen aus der ganzen Welt hierher strömten, damit ihre Träume in Erfüllung gehen könnten, so Li. „Beijing zieht „Macher“ an, Menschen mit Ideen und Kreativität. „In Beijing ist dein Schicksal nicht für immer, du hast es in der Hand und kannst es in jede Richtung wenden“, so Li.
Nach einem halben Jahr zurück in Beijing ist es Zeit für ein Resümee über das „Projekt Beijing“. „Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung für uns hierher zu kommen. Jeden Tag gibt es etwas spannendes zu erleben, alt und neu vermischt sich, daher können wir alle, besonders die Kinder, von dieser wertvollen Erfahrung sehr profitieren. Ich bin sehr froh darüber, dass ich etwas „chinesisch“ in das Leben meiner Kinder bringen konnte“, erklärte Li. „Nur leider ist ein Jahr viel zu kurz um die Komplexität von Land und Leuten ganz zu begreifen.“ |
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