06-11-2007 Beijing Rundschau
Die Rolle der Traditionellen Chinesischen Medizin in einem integrierten Medizinmodell
von Zeng Liming

Bei einer Erkrankung des Magens kann man zum Beispiel gemäß westlichem medizinischen Vorgehen durch Magenspiegelung und biochemischer Analyse den genauen Sitz der Krankheit lokalisieren, ihren Umfang und ihre Ursache bestimmen. Die chinesische Medizin hingegen konzentriert sich auf den Zustand des Patienten und fragt danach, ob die Krankheit aufgrund der Essens- und Trinkgewohnheiten des Patienten aufgetreten, oder auf eine Disharmonie der sieben emotionalen Zustände (Freude, Zorn, Trauer, Grübeln, Sorge, Angst, Schreck) zurückzuführen ist. Möglicherweise liege ihr auch ein allgemeiner Erschöpfungszustand zugrunde oder der Wechsel der Jahreszeiten. Werden bei der Untersuchung des Patienten weitere Funktionsstörungen entdeckt, so behandelt man alle Symptome gemeinsam, um so das gesundheitliche Gleichgewicht des Patienten wiederherzustellen.

Chen Zhu meint deshalb, dass die westliche Medizin klar umrissene Einzelheiten sieht, während die TCM das nicht genau analysierbare Ganze in den Blick nimmt. Dieser Unterschied in der Vorgehensweise erinnert an die verschiedenartigen Techniken, die von der klassischen europäischen Malerei des Stillebens und der traditionellen chinesischen Tuschmalerei angewandt werden: die chinesische Malerei kennt ein Skizzieren des Umrisses, unklar, aber frei, die europäische Malerei hingegen widmet sich den Details, die naturgetreu und genau festgehalten werden. Tatsächlich gibt es viele Ähnlichkeiten zwischen dem grundsätzlichen Konzept der TCM und den modernen Lebenswissenschaften: Die TCM legt großen Wert auf das „Gleichgewicht" von Yin und Yang, dies steht im Einklang mit der modernen systemischen Biologie; Die TCM legt großen Wert auf die „Vereinigung von Menschen und Himmel", dies entspricht den Auswirkungen von Umweltfaktoren auf die Gesundheit des Menschen; die TCM legt bei Diagnose und Behandlung großen Wert auf eine umfassende Untersuchung. Ganz ähnlich versucht die westliche Medizin durch Pharmogenetics, also durch genetische Veränderungen, die Wirkungsweise von Medikamenten zu erhöhen. Der ganzheitliche Ansatz der TCM entspricht nahezu der Anwendung verschiedener Behandlungsmethoden in der modernen Therapeutik.  

Chen fordert, der TCM mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn man aufgrund von mangelnder Vertrautheit mit den Inhalten und Vorzügen der traditionellen Medizin zu einem ablehnenden Urteil kommt, so sei dies nicht zu verantworten. Je nach dem Gesamtzustand des Patienten verwendet die TCM Mixturen von Dutzenden, manchmal sogar Hunderten von Kräutern, um die Gesundheit wiederherzustellen. Diese komplexe Kräutertherapie bedeutet eine große Herausforderung für die moderne Diagnostik, deshalb behauptet man von der TCM oft, sie sei schwer zu erklären. Da TCM eine Erfahrungswissenschaft ist, die auf philosophischen Konzepten beruht, lässt sie sich oft nicht in eine moderne Begrifflichkeit fassen. Eine Verbindung aus TCM und westlicher Medizin scheint daher schwierig. Es ist erforderlich, die TCM weiterzuentwickeln und ihre Wirkungsweisen besser zu analysieren. Chen Zhu tritt deshalb dafür ein, die Errungenschaften der traditionellen chinesischen Medizin nach den Kriterien westlicher Wissenschaft zu untersuchen und allgemein bekannt zu machen, damit ein neues Medizinmodell für das 21. Jahrhundert entstehen kann. Dies könne zu einer Reform und Fortentwicklung der Gesundheitspolitik, der pharmazeutischen Industrie und der Medizintechnik führen.

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