11-10-2007 Beijing Rundschau
Harro von Senger und seine „36 Strategeme"
von Yang Jiaqing

 

Mit den „36 Strategemen" kam Harro von Senger erstmals während seines Sprachstudiums am Mandarin-Zentrum der Pädagogischen Hochschule Taiwan in Berührung. „Eines Tages sagte mein Sprachlehrer unvermittelt, von den 36 Strategemen sei Wegrennen das beste. Ich fragte ihn auf der Stelle, welches die anderen 35 seien. Er konnte mir nicht recht antworten. Damals wohnte ich im Studentenheim der Rechtsfakultät der Nationalen Taiwan Universität. Ich fragte einige meiner Kommilitonen, ob sie etwas von den 36 Strategemen wüssten. Zwei, drei Wochen später kam ein Kamerad mit einem Blatt Papier, auf das er die 36 Strategem-formeln geschrieben hatte. Etwas später zeigte mir ein anderer chinesischer Freund auf einem Buchmarkt ein Buch über die 36 Strategeme." „Das interessiert Dich doch", sagte er. „So kam ich zu meinem ersten Buch über diesen Gegenstand", erzählt Harro von Senger lächelnd.

In die Schweiz zurückgekehrt, begann Harro von Senger, gesellschaftliche Phänomene im Abendland im Lichte der 36 Strategeme zu betrachten. „Mir wurde klar, dass die 36 Strategeme nichts ausschließlich Chinesisches sind; sie haben weltweite Bedeutung und ermöglichen es überall, die Gesellschaft und menschliche Beziehungen besser zu verstehen. Daher habe ich viele westliche Beispiele in Strategeme Band 1 aufgenommen, um diesen Zweig der chinesischen Kultur zu globalisieren", sagte er.

 

Die Strategeme aus chinesischer und abendländischer Sicht

Harro von Senger unterscheidet drei Stufen der Listwahrnehmung. Auf der Null-Stufe weiß der Mensch gar nichts von der List. Als Beispiele erwähnte er Adam und Eva: „Weil Adam und Eva listenblind waren, fielen sie der listigen Schlange zum Opfer. Zornentbrannt vertrieb sie Gott aus dem Paradies." 

Als ein Beispiel für die mittlere Stufe der Listwahrnehmung verwies Harro von Senger auf Machiavelli und sein Buch Der Prinz. Darin schreibt Machiavelli über Cesare Borgia, er habe sich geschickt verstellt, so dass er das Vertrauen seiner Feinde gewann. Ihre Gutgläubigkeit endete damit, dass sie sich von Cesare Borgia ermorden ließen. Auf der mittleren Stufe der Listanwendung bewegt sich Machiavelli, da er das Vorgehen Cesare Borgias ausdrücklich als „hinterlistig" bezeichnet.  

Laut Harro von Senger haben nur Chinesen die Höchststufe der Listwahrnehmung erreicht. Das lässt sich anhand vieler literarischer Beispiele nachweisen. So ist im klassischen Volksroman Romanze der Drei Königreiche von der „Strategemverkettung" des Hofbeamten Wang und vom „Verkettungsstrategem" Pang Tongs die Rede. „Europäer hätten lediglich geschrieben, Wang und Pang Tong hätten ‚eine List' eingesetzt. Sie hätten die List nicht benennen können. Wir Europäer können angesichts der hoch entwickelten Strategemwahrnehmung von Chinesen nur staunen", rief er bewundernd aus.

 

„Ich selbst war einmal Strategemopfer"

Wie hat Harro von Senger seine Strategemkenntnisse in die Praxis umgesetzt ?

„Nach meiner Rückkehr in die Schweiz wollte ich umsatteln. Ursprünglich wollte ich ein Spezialist des chinesischen Rechts werden. Ich strebte also eine Karriere in der Rechtswissenschaftlichen Fakultät an. Aber an der Beijing Universität war mir während meiner dortigen Studienzeit 1975-77 der Zugang zur Rechtswissenschaftlichen Fakultät verwehrt worden. Mir blieb nichts anderes übrig, als Geschichte und Philosophie zu studieren. Dies hatte bei mir eine Horizonterweiterung zur Folge. Hinterher war ich dankbar dafür, dass ich nicht Recht hatte studieren dürfen. Um meine nun viel weiter gespannten Interessen befriedigen zu können, wandte ich mich der Sinologie zu. Das sagte ich dem Züricher Sinologieprofessor. Doch dieser reagierte verärgert, denn er hatte seine eigenen Nachwuchskräfte herangezogen. Ich kam ihm wie ein Eindringling vor. Eines Tages schrieb er mir in einer Auseinandersetzung über eine Lehrveranstaltung einen Brief. Unten am Brief stand: Kopie an den Dekan. Ich schickte daraufhin meinen Antwortbrief ebenfalls an den Dekan. Mein Brief war recht höflich. Doch der Professor schickte mir einen zweiten Brief, der mich erzürnte, worauf ich ihm einen nicht mehr sehr zurückhaltend formulierten Brief sandte.  

Vor dem Briefwechsel hatte mich der Dekan unterstützt. Aber nach meinem zweiten Brief, den ich ebenfalls in Kopie an den Dekan geschickt hatte, sagte er mir, es sei schwierig, mit mir zusammenzuarbeiten. Und diese wichtige Person wechselte die Seite. Damals war ich noch ziemlich listenblind. Ich betrachtete die Strategeme als etwas rein Chinesisches. Als ich dann zwei Jahre später Strategeme Band 1 verfasste, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Der Professor hatte das Strategem Nr. 33, das Strategem des Zwietracht-Säens, benutzt. Wäre ich strategemkundig gewesen, hätte ich meine Briefe nicht in Kopie an den Dekan geschickt. So begriff ich die Nützlichkeit der Strategemkundigkeit und erkannte, wie gefährlich Listenblindheit ist."

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