11-10-2007 Beijing Rundschau
Nur noch eine ferne Erinnerung
Von Zan Jifang

Reiss es ab

 

 

Bald aber wird es das alles nur noch auf Fotografien und in der Erinnerung geben. Die siebenhundert Jahre alten Höfe und Häuser werden abgerissen. Das Ganze ist Teil des ehrgeizigen Plans zur Modernisierung der Stadt im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008.

 

Die Anlage eines 2,5 Meter breiten Bürgersteigs ist vorgesehen; dies stellt angeblich den Zustand der Gegend in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder her. Kleine Elektrokarren sollen Touristen befördern und neue Höfe, Geschäfte und Vergnügungsstätten werden eine Atmosphäre hektischer Betriebsamkeit schaffen.

 

Wie schon die Sanierung anderer geschichtsträchtiger Viertel der Hauptstadt hat auch dieses Projekt heftige Kontroversen ausgelöst. Konservative sind besorgt, dass Beijing ohne Wohnhöfe, Hutongs und Pailous seine kulturelle Identität verlieren wird.

 

 

Auswirkungen auf die Gefühlslage der Einwohner

 

 

Die Auswirkungen des Projektes betreffen nicht nur das Äußere der Stadt, sondern auch die Identität derjenigen, die seit Generationen in der Gegend verwurzelt sind oder sie regelmäßig besuchen.

 

Ende einer Ära: Gibt es noch Platz für tradi-tionellen Einzelhandel im Qianmen-Geschäftsviertel?



Feng Guangju, Inhaber eines Imbiss für gekochte Kutteln - ein traditionelles Beijinger Gericht - sagt, dass er zwar sein Geschäft in eine andere Gegend verlegen werde, aber er hoffe noch immer, eines Tages hierher zurückkehren zu können.

 

„Viele Restaurants im alten Stil sind seit mehr als hundert Jahren im Qianmen-Viertel ansässig. Die Leute wissen, dass sie hier die traditionelle Beijinger Küche finden können", sagt Feng. „Es wird schwierig sein, diese Gegend, die in den Menschen so sehr ans Herz gewachsen ist, irgendwo anders wieder aufzubauen."

 

Es ist zweifelhaft, ob kleine Bistros wie das von Feng nach der Sanierung des Viertels wieder ihren ursprünglichen Standort einnehmen können. Es ist damit zu rechnen, dass die Gewerbemieten im ultramodernen Geschäftsviertel sehr hoch sein werden, wahrscheinlich zu hoch für die Betreiber kleiner Lokale.

 

Dies wirft eine wichtige Frage auf: Wie lässt sich die Stadt modernisieren und der Lebensstandard ihrer Einwohner heben, und dennoch der besondere Charakter der alten Hauptstadt bewahren?

 

In den letzten Jahren ist sich die Stadtverwaltung der Probleme, die mit den großflächigen Sanierungsprojekten einhergehen, immer deutlicher bewusst geworden. Sie hat Gesetze erlassen, nach denen Abbruchzonen genau definiert werden müssen. Die unter Denkmalschutz stehenden Gebiete um den Kaiserpalast - die sogenannte „Verbotene Stadt" - sind erweitert worden.

 

Aber diese Maßnahmen reichen längst nicht aus. In Beijing weichen jedes Jahr durchschnittlich 600 Hutongs modernen Wohnblocks und Einkaufszentren. Auch die Leute, die mit Stadtplanung zu tun haben, sind davon betroffen.

 

„Viele Gebäude entlang der Hutongs werden direkt vor unserer Nase abgerissen. So ist die Lage in Wangfujing, Dongdan bis hinüber nach Qianmen und in angrenzenden Gebieten, welche den Grundriss der Altstadt bildeten", sagt Liu Congjie, ein prominenter Experte für alte Architektur. Er ist sichtlich deprimiert über das, was um ihn herum vor sich geht.

 

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