13-11-2007 Beijing Rundschau
Die bühnenreife Geschichte des Theaters
Von Tang Yuankai

1957 schrieb Lao She das Drama in drei Akten „Das Teehaus“, sein Meisterwerk. Das Stück spielt in einem typischen alten Beijinger Teehaus und zeigt uns das Lebens seines Besitzers und seiner Gäste über einen Zeitraum von fünfzig Jahren und durch drei Phasen der modernen chinesischen Geschichte. Es treten darin über 60 Charaktere aus allen Gesellschaftsschichten auf und führen uns die gesellschaftlichen Veränderungen vor Augen, die China in diesem Zeitraum erfahren hat.

Die Stärke des Stücks und seine große Anziehungskraft verdanken sich in hohem Maße Lao Shes meisterhafter Gestaltung der Charaktere und der Alltagssprache des alten Beijing. Aber im Grunde ist es seine visionäre Kraft, seine Treffsicherheit bei der Wahl wichtiger Details und seine Vertrautheit mit der von ihm beschriebenen alten Gesellschaft mit all ihren Stärken, Schwächen und ironischen Brechungen, die es dem Autor ermöglicht haben, ein Kunstwerk zu schaffen, das weit über die Grenzen bloßer Sozialkritik hinausreicht. 

Im September 1980 wurde Das Teehaus zu einer Gastspielreise durch Europa eingeladen. Es war dies das erste Mal, dass ein chinesisches Ensemble auf eine Auslandstournee ging.

Später wurde das Stück noch in Japan, Kanada und den Vereinigten Staaten aufgeführt, wo es sogar eine Vorstellung in englischer Sprache gab.

Während der unheilvollen Jahre der Kulturrevolution (1966-1976) verschwand das chinesische Theater nahezu von den Bühnen. Unzählige talentierte Schauspieler, Schriftsteller und Regisseure, darunter auch Lao She, wurden verfolgt oder getötet.

 

Eine neue Ära

Zwei Jahre nach dem Ende der Kulturrevolution wurde In der Stille in Shanghai aufgeführt. Das Schauspiel handelt davon, wie das chinesische Volk 1976 den Tod des langjährigen Ministerpräsidenten Zhou Enlai betrauert und die Viererbande verurteilt, eine Führungsriege, die nach dem Tode Mao Zedongs im gleichen Jahre als Hauptverantwortliche für die Kulturrevolution ihrer Ämter enthoben und verhaftet worden war.

 

Ebenfalls 1976 erregte Das Lied der Treue mit Yu Shizhi, der bereits im Teehaus die Hauptrolle gespielt hatte, großes Aufsehen.

 

Avantgardistisch: Che Guevara, ein Experimentalstück über den berühmten zigarrenrauchenden Revolutionär mit dem sinnlichen Blick. Hier ein Foto von der Premiere am Beijinger Volkstheater im Jahr 2000.

Vier Jahre nach dem Erscheinen von Das Lied der Treue brachte der bekannte chinesische Theaterregisseur Lin Zhaohua Alarmsignal auf die Bühne. Dieses Stück war ein wichtiges Signal für die kleine Theaterbewegung, die sich als experimentell und avantgardistisch verstand.

 

Ermuntert durch die Reform- und Öffnungspolitik in den 1980ern, machte sich unter den chinesischen Dramatikern eine wachsende Unzufriedenheit mit der Entwicklung des Theaters in China breit. Das moderne Theater in der westlichen Welt wurde zu ihrem Vorbild. In den 1990ern gab es dann zwei Tendenzen: entweder Experimentaltheater zu betreiben, oder zum Realismus zurückzukehren. Moderne Bühnentechnik zog in die Theaterhäuser ein und gab dem Drama eine moderne Gestalt.

Rhino in Love (Verliebtes Nashorn) unter der Regie des 35-jährigen Meng Jinghui, brachte kleinen Theatern in China gute Zuschauerzahlen, Meng stieg zum Kultregisseur auf. Das Theater Beibingmasi, an dem Rhino in Love seine Uraufführung erlebt hatte, schloss allerdings im Jahre 2005 seine Pforten und legte damit Zeugnis ab von der schwierigen Lage des modernen chinesischen Theaters, dem es vor allem an Geld fehlt.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es rund 3000 Theatergruppen in China, aber viele unter ihnen bringen nur selten Aufführungen über die Bühne und alle leiden unter Zuschauermangel. Mit „Selbstverliebtheit“ und „Publikumsferne“ lässt sich die aktuelle Situation wohl am besten umreißen. Einige Fachwissenschaftler behaupten sogar, dass das chinesische Theater seinem Ende entgegensieht.

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