13-11-2007 Beijing Rundschau
Shanghai in den Augen der Fremden
  

Was ist das Unangenehmste am Leben in Shanghai?

Anonymer Brite: Lärm, Luftverschmutzung, Ausspucken.

Steve Bisogno: Die schlechte Qualität der Luft ist wahrscheinlich das Schlimmste an Shanghai.

Elyse Singleton: Jo, das ist eine komplizierte Frage! Die beiden Hauptprobleme - und ich denke, die beschränken sich nicht auf Shanghai - sind Sprache und Kultur. Ich spreche zwar ganz leidlich Chinesisch, aber ich kann längst noch nicht alles verstehen. In Notlagen würde ich sicher beträchtliche Schwierigkeiten haben. Aber ich versuche, mein Hörverständnis zu verbessern. Es ist wirklich frustrierend, Chinesisch zu sprechen und dabei von der Umgebung ignoriert zu werden. Oder Antworten auf Englisch zu erhalten, oder zu erleben, wie dein Gegenüber ungeniert und unter Gelächter - haha haha mit deinem Chinesisch aussehenden Begleiter auf Chinesisch plaudert, während du dich abmühst, Chinesisch zu sprechen. Aber das kann Dir in Frankreich mit Französisch auch passieren! Und dann: die Kultur. Gemessen an den Maßstäben, mit denen ich aufgewachsen bin, finde ich das, was ich Grobheiten nennen würde, wirklich unerträglich: Rempeleien, Gedrängel, Herumspucken, ungeniert Leute anstarren, schlechter Service. Darüber rege ich mich auch nach sechs Jahren noch auf! Das geht so weit, dass ich, wenn mal jemand wirklich freundlich zu mir ist, und das kommt gelegentlich vor, davon tagelang zehren kann. Was mich noch aufregt, sind Ausländer, die glauben, ihnen läge die Welt zu Füßen, weil sie fette Auslandszuschläge auf ihrem Gehaltskonto haben und hier mit Chauffeur rumkurven und so weiter. Igitt! Und natürlich der Verkehr! Es ist furchtbar zu sehen, wie es immer mehr Autos gibt und niemand schert sich um die Auswirkungen. Und natürlich mangelt es an Umweltbewusstsein, wenn es darum geht, schnelles Geld zu machen, oder auch nur, weil man sich einfach nicht für Umweltfragen interessiert. Aber gibt es so etwas nur in Shanghai?

Sami Zabel: Abgesehen von der Sprachbarriere finde ich es immer sehr frustrierend, wenn die Leute hinter meinem Geld her waren, auch wenn ich gar nichts kaufen wollte.

Anonymer Amerikaner: Shanghaihua, der Dialekt von Shanghai, rücksichtslose Autofahrer, völliger Mangel an Verkehrssicherheitsbewusstsein. Dazu kommt, dass grundlegende Anstandsregeln noch immer nicht akzeptiert oder verstanden werden, aber das gilt eigentlich überall im Land.

 

Wie sicher fühlen Sie sich hier in Shanghai?

Anonymer Brite: Wenn Sie Kriminalität meinen, dann ist es hier sicher.

Steve Bisogno: Sehr sicher, in körperlicher Hinsicht.

Elyse Singelton: Hmm. Also, es gibt da ja einige Schauergeschichten, aber im Allgemeinen fühle ich mich doch sehr sicher. Man hat mir schon Sache gestohlen, Handys und dergleichen, aber meistens auf Grund eigener Dummheit, weil ich sie in meiner Manteltasche auf überfüllten Märkten herumgetragen habe. Als ich in der Innenstadt wohnte, war es keine große Sache, spätabends nach Hause zu gehen, es gibt immer Leute in der Nähe.

Sami Zabel: Ich habe mich nie irgendwo in Gefahr gefühlt.

Anonymer Amerikaner: Sehr sicher.

Wie beurteilen Sie das generelle Dienstleistungsniveau in Shanghai?

Anonymer Brite: Es gibt kein generelles Dienstleistungsniveau. Es kommt darauf an, was man zu zahlen bereit ist.

Steve Bisogno: Der Kundendienst ist in den letzten sechs Jahren sehr viel besser geworden. Aber es ist immer noch sehr schwer, einen angemessenen Standard überall in der Stadt zu finden.

Elyse Singleton: Sie meinen Kundendienst? Na, da kann ich Ihnen was erzählen. Shanghai Tang, ein sehr teurer „Designer“ Laden. Ich habe eine Tasche zur Reparatur dorthin gebracht. Eines Tages erhalte ich einen Telefonanruf mit einer mir unbekannten Nummer. Ich kann nicht abnehmen, weil ich gerade zu tun habe, also rufe ich später zurück. Sie antworten, aber ich kann nicht verstehen, um wen es sich handelt. Also sage ich auf Chinesisch, dass sie mich angerufen hätten und dies hier nur mein Rückruf sei. Am anderen Ende der Leitung heißt es dann: „Wer sind Sie? Wer hat Sie angerufen? Was für eine Handynummer?“ Schließlich komme ich drauf, dass es sich um Shanghai Tang handelt. Ich sage also auf Englisch: „Oh, es geht um meine Tasche!“ Stille. Dann, auf Englisch: „Hallo, Shanghai Tang, kann ich Ihnen helfen?“ So schräg das Ganze! Mein Freund schreibt gerade eine Doktorarbeit über die Dienstleistungsbranche in China. Es sieht wirklich sehr schlecht aus! Aber es bessert sich langsam. Ich habe da eine wunderbare Kellnerin im Radisson am Volksplatz erlebt und einen vorzüglichen Service in einem anderen Restaurant, in dem ich neulich gewesen bin.

Sami Zabel: Die Leute sind immer hilfsbereit. In Läden wird einem immer geholfen!

Anonymer Amerikaner: Teils-Teils. Abgesehen von den Taxis, das sind die besten in China.

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