"Kunst ist, dem Leben eine subjektive interpretatorische Form zu geben, das ist ganz einfach. Für mich ist der Künstler jemand, der aus der Lösung ein Rätsel machen kann. Das ist mein Prinzip. Aber jeder hat eine andere Einstellung."
Als einer von fünf chinesischen Studenten bei KP Brehmer studierte der in traditioneller chinesischer Landschaftsmalerei ausgebildete Shan Fan 1985-1987 Freie Kunst an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste. Der Neuanfang in Deutschland war von einer großen Identitätskrise begleitet, die noch heute das Werk des 46-Jährigen bestimmt. Seinen Bildern liegt nach eigener Aussage die Entscheidung zugrunde, sich nicht zu entscheiden.
Ein neues Tätigkeitsfeld hat Shan Fan für sich eröffnet, als er 1998 die Design Factory in Hamburg übernahm. Er strukturierte die private Hochschule für visuelle Kommunikation und Design neu und setzt seitdem als Leiter Maßstäbe im deutsch-chinesischen Kunstaustausch. Anlässlich der Eröffnung seiner Ausstellung „Industrial Landscape" im Shanghai Duolun Museum of Modern Art am 22. Juli 2005 sprachen Katja Hellkötter und Julia Dautel mit Shan Fan über sein Werk, entstehende Spannungsfelder zwischen verschiedenen Identitäten und Tendenzen zeitgenössischer Kunst und Kunstwahrnehmung in Deutschland und China.
Hellkötter/Dautel: Sie sind als Künstler bereits 1984 nach Hamburg gegangen, waren sozusagen einer der chinesischen Pioniere, die in dieser Zeit zum Studium der ( freien) Kunst nach Deutschland gingen. Wie kam es dazu?
Shan Fan: Ursprünglich hatte ich gar nicht den Plan, nach Deutschland zu gehen. Das hat sich eigentlich zufällig ergeben. 1980 habe ich in einem Tempel in Kunming einen deutschen Kaufmann kennen gelernt, der perfekt Chinesisch sprach. Ich habe mich mit ihm angefreundet und aus einer spontanen Begegnung ist eine lebenslange Freundschaft geworden. Eines Tages fragte er mich, ob ich nicht in Deutschland studieren möchte, er würde mir das finanzieren. Das war damals schon etwas sehr Besonderes, Europäer waren China und Chinesen gegenüber doch noch recht skeptisch, insbesondere Kaufleute hatten ihre Vorbehalte. Ich hatte sehr viel Glück, denn zeitgenössische Kunst passierte damals vor allem in Amerika und Deutschland, weniger in Frankreich. Nach Hamburg kam ich aus dem glücklichen Umstand, dass der besagte Kaufmann eigentlich aus einem kleinen Dorf in der Nähe Hamburgs kam und sagte, ich müsse in Hamburg studieren. So kam ich 1984 nach Hamburg. Das war eigentlich recht unbewusst.
Hatten Sie damals volles Vertrauen, dass diese Entscheidung richtig ist?
Ja, eigentlich schon. Aber in ganz China sprach man damals schlecht über die kapitalistischen europäischen Gesellschaften. Einer meiner Lehrer hat mich als Einziger dazu ermuntert. Er hatte eine sehr hohe Meinung von Europa und lobte den Humanismus und die Freundlichkeit der Europäer. Aber die Entscheidung, schließlich wirklich nach Europa zu gehen, das war schon sehr hart. Die chinesische Gesellschaft war nicht reif für solche Schritte, meine Vorbereitungen dauerten ein Jahr, bis ich einen Pass bekam und ein Visum, das dauert ewig! Ich konnte zum Schluss nicht mehr auf die Straße gehen, weil alle wussten, der geht weg. Für mich war kein Platz mehr in dieser Gesellschaft, hätte das Visum nicht geklappt, ich hätte große Schwierigkeiten gehabt.
Wie war die erste Zeit in Hamburg?
Das war sehr schwer. Als ich auf dem Landeanflug über Hamburg war, bot sich mir ein so anderes Bild, die ganze Stadt wirkte auf mich wie ein Bühnenbild, nicht real. Ich bin dann mit Bus und Bahn vom Flughafen in die Stadt gefahren und vom Hauptbahnhof dann mit dem Zug nach Barsbek zu meinem Freund. Unterwegs zeigte sich die Landschaft von einer wunderschönen Seite, die Felder waren golden gefärbt, es war August, dazu die Bäume: Es sah exakt aus wie in einer französischen Landschaftsmalerei, das war mein erster Eindruck. Dann lernte ich die Menschen kennen, sehr hilfsbereit eigentlich. Aber ich hatte am Anfang Pech, ich habe mit einem Pastor zusammengewohnt, der sehr unfreundlich zu mir war. Er hatte keinerlei Verständnis für meine fremden Lebensgewohnheiten und hat mich ziemlich von oben herab behandelt.
Für mich am schwierigsten aber war die Identitätsfindung. Meine Bildung war traditionell chinesisch geprägt, ich habe ja an der Kunsthochschule chinesische Landschaftsmalerei und Kalligraphie studiert. Meine Urteilskraft und mein ästhetisches Empfinden waren sehr chinesisch und als ich dann in Hamburg an die Hochschule für Bildende Künste (HfbK) kam, da verstand ich kein einziges Bild. Alle sagten, dies ist schön und das ist gut, aber ich wusste nicht, warum das so sein sollte. Meine ganze Urteilskraft war verloren gegangen, ich hatte überhaupt keine Meinung mehr. Ich war sehr durcheinander.
Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen? Was hat für Sie die Wende gebracht?
Hier spielte KP Brehmer für mich eine wichtige Rolle: Aufgrund von zwei, drei Zeichnungen, die ich angefertigt hatte, hat er mich als Student angenommen. Ich habe ihm dann von meinen Schwierigkeiten erzählt und er riet mir, mir so viel Zeit wie möglich zu nehmen. Ich sollte verreisen, in die Kunsthalle gehen, lesen, und wenn ich nicht malen kann, dann soll ich es auch nicht versuchen. Das war ein wichtiger Rat für mich, ich habe in der Zeit dann viel gelesen, über deutsche Philosophie, z.B. über die Phänomenologie, die Lehre der Zeichen. Auf Deutsch war das nicht einfach für mich. Dann las ich auch Sartre, Deridat, den ganzen Existentialismus und nach ungefähr drei Jahren hatte ich das Gefühl zu wissen, wohin es gehen könnte. Hier hatte ich wieder Glück, ich kannte einen Galeristen, Hans Höppner in Hamburg, einer der Größten in Deutschland. Er kam zu mir und kaufte einige meiner Tusche-Zeichnungen, insgesamt für 3000 DM, das war damals unglaublich viel Geld für mich. Und in seiner Galerie habe ich dann Bilder von Antonio Tapies gesehen, das war für mich quasi der chinesische Maler des Westens. Wie kann ein Spanier einen solchen Strich malen, habe ich mich gefragt. Sein Strich sah aus, als sei er von einem Chinesen gemalt und eigentlich noch besser als von einem Chinesen. Das war für mich der Anfangspunkt, mir wurde klar, dass ich eine Verbindung zwischen Ost und West versuchen müsste. Meine Identität lag zwischen den Kulturen, ich traf also die Entscheidung, mich nicht zu entscheiden. Unentschiedenheit ist in der Kunst ja eigentlich keine gute Grundlage, aber wenn es eine entschiedene Unentschiedenheit ist, die Entscheidung, sich nicht zu entscheiden, dann ist das etwas anderes.
Ich benutze viele Zeichen und Kodierungen, beispielsweise die Eisenbahnlinie. Sie verbindet zwei Punkte, trennt aber gleichzeitig die Landschaft. Das ist für mich die Doppelkodierung eines Symbols. Oder ein V, es kann ein Schiff sein, andersherum ein Haus. Das ist nicht entschieden. Unentschiedenheit als Entscheidung, das ist meine Position, die ist bis heute so geblieben. Das ist der Grund meiner Kunst.