18-12-2007 Quelle: www.shanghai-hamburg.de
Interview mit Shan Fan
 

Über Tapies haben Sie den Zugang zur westlichen Kunst gefunden. Wer spielte da noch eine Rolle?
Sehr wichtig für mich war auch Emil Schuhmacher und die ganze sogenannte „Informelle Malerei". Das war nach deutschen Maßstäben längst überholt, wenige haben verstanden, warum ich mich immer noch für diese Richtung interessiere. Aber was ist für mich wichtig? Ich bin ein Maler, der sehr stark an die Identität gebunden ist. Wenn man einmal seine Identität verloren hat, dann geht man damit vorsichtiger um. Ich hatte 1989 versucht, die Malerei zu verlassen, als es die Diskussion gab, die Malerei sei tot. Aber für mich war dann klar, es geht mir um die Machbarkeit, nicht so sehr um die Mode. Ich komme aus einer chinesischen Kultur, ich war ein traditioneller Tuschemaler. Dieser Sprung war so groß, da konnte ich nicht gleich den nächsten großen Sprung machen. Ich muss warten, bis meine Seele hinterherkommt. Der wichtigste Sprung war gemacht, ich kann nicht ohne Rücksicht auf meine Identität weiter voranschreiten. Es geht mir nicht so sehr um Aktualität, als vielmehr um Qualität und Kontinuität.

Ist dieses Spannungsfeld zwischen den Kulturen auch heute noch das bestimmende Element Ihres Werkes?
Ja, das ist auf jeden Fall so. Auch die Bilder, die jetzt hier im Duolun-Museum ausgestellt sind, handeln eigentlich immer von der Frage: Wo lebe ich und was mache ich. Ich lebe in einer ziemlich natürlichen Umgebung, in der Nordheide bei Hamburg, und das ist alles schön dort, total ideale Welt. Aber die Menschen, mit denen ich zu tun habe, leben in einer ständigen Verfremdung und Arbeitslosigkeit. Je intelligenter die Menschen heutzutage werden, um so schneller graben sie ihr eigenes Grab, sie rationalisieren ihre eigenen Stellen weg. In diesem Spannungsfeld baue ich ein spiegelverkehrtes Bild und das male ich. Als die Industrialisierung begann, schuf Arbeit Identität, das ist heute nicht mehr der Fall. Damit schlage ich einen Bogen zur traditionellen chinesischen Philosophie, Tao Yuanming beschrieb 500 nach Christus im „Tal der Pfirsichblüten" folgendes Erlebnis: Er entdeckte am Ende eines Flusses eine Höhle, darin waren die Menschen sehr glücklich und er fragte sich, woher kommen die? Es stellte sich heraus, sie kamen aus einer Zeit von vor 2000 Jahren und glaubten sich noch in dieser idealen Gesellschaft. Sie hatten gar nicht gemerkt, dass sich draußen alles verändert hatte! Eigentlich glaube ich, dass die ideale Gesellschaft eine Welt ist, in der die Arbeit noch als Identität gesehen wird. Daher male ich eine Industrielandschaft in einer sehr traditionell chinesischen Stimmung, mit Frühling, Herbst, vier Jahreszeiten.

Sie zeigen in Ihren Werken eine Idylle. Thematisieren Sie darin auch, dass diese Idylle nicht mehr vorhanden ist?

Es geht für mich vor allem um das ideale Bild. Das ideale Bild ist das Gegenteil zu meinem Leben. Mein Leben ist landschaftlich schön, aber die Menschen sind verloren. Das Spiegelbild hierzu ist: Industrielandschaft, aber die Menschen sind glücklich. Das ist das grundlegende Thema.

Sie haben ihre Ausstellung ja in Deutschland, in Essen, bereits gezeigt. Haben Sie die Vermutung, dass die Bilder in Deutschland anders aufgenommen wurden als das hier in China der Fall ist?

In Essen hatte ich ein gutes Publikum, das waren hauptsächlich Leute, die etwas von Kunst verstehen. Die haben vor allem auch verstanden, warum ich so viele Industrielandschaften male. Hier in China ist das, glaube ich, schwer, das muss transportiert werden über Text. Ich habe hier auch sehr viele Interviewtermine, da muss ich viel erklären. Ein chinesischer Betrachter sieht vielleicht nur eine europäische Industrielandschaft und weiß nicht, was dahinter steckt.

Wird zeitgenössische chinesische Kunst generell in Europa anders wahrgenommen als hier und haben ganz andere chinesische Künstler in Europa Erfolg?

Ich glaube, die Künstler, die in Europa Erfolg haben, das sind häufig Künstler, die extrem plakativ arbeiten, in kritischem Sinne. Sie üben Gesellschaftskritik und haben zum Teil auch wegen der im Westen teilweise ziemlich ausgeprägten antikommunistischen Stimmung Erfolg. Ich bin aber ein anderer Maler, meine Kunst ist eher persönlich, nicht gesellschaftskritisch. Ich habe eine ganz andere Vorstellung von Kunst. Ich nehme wahr und muss das dann ausdrücken. Ich möchte nicht bestimmte Weltbilder plakativ darstellen, da findet für mich keine Umsetzung statt. Das hängt auch mit meiner Entscheidung, mich nicht zu entscheiden, zusammen.

Haben die Spannungen zwischen den Identitäten, die sie erwähnten, durch Ihr Leben in Deutschland abgenommen oder bleiben sie vorhanden und nehmen sogar zu?

Diese Spannung ist immer da. Das ist immer so geblieben. Die Spannung wird eigentlich auch immer wieder neu genährt. Ich bin ein starker Befürworter des postmodernen Menschen.

Postmoderne als Mischung der Identitäten? 

Ja, genau. Wenn ich zurück in die Heide komme, das ist so typisch deutsch, da ist alles deutsch. Da fühle ich mich auch wohl und wenn ich zurück nach China komme, fühle ich mich auch wohl.

     1  2   3    


Kurze Nachrichten


Wirtschaft
Top-Services
Hotel
Routenplaner
Wechselkurs
Rent a car
City Apartments Vermietung
Reise durch China
Schreiben Sie an uns
Aboservice
Wetter
Über Beijing Review | Über Beijing Rundschau | Rss Feeds | Kontakt | Aboservice | Zu Favoriten hizuf ügen
Adresse: BEIJING RUNDSCHAU Baiwanzhuanglu 24,
100037 Beijing, Volksrepublik China