18-12-2007 Quelle: www.shanghai-hamburg.de
Interview mit Shan Fan
 



An Ihrer Design Factory studieren Studenten aus den unterschiedlichsten Ländern. Wie gehen Sie mit dieser Internationalität um?

Da es eine private Universität ist, habe ich die Möglichkeit, vieles so zu gestalten, wie es mir gefällt. Diese Internationalität, diese Vermischung ist mir sehr wichtig. Deswegen habe ich diesen internationalen Studiengang gegründet. Das internationale Umfeld ist auch ein enormer Vorteil für meine Studenten. Nehmen Sie zum Beispiel einmal die Werbung, die spielt häufig mit Humor. Wenn Sie englische, chinesische und deutsche Werbung ansehen, dann merken Sie, Humor funktioniert hier grundlegend verschieden. Wer als Student in diesen drei Ländern gelebt und studiert hat, der weiß, was die Unterschiede sind, er kann das ganz differenziert anwenden und später beruflich gut einsetzen. Meine Studenten setzen sich sehr international zusammen: Wir haben 20 % Ausländer, davon die Hälfte Chinesen. Jedes Semester schicken wir 10 deutsche Studenten an die Design Factory in Zhuhai, Südchina, auch 20-30 pro Jahr nach England, einige nach Beijing. Das ist eine wichtige Erfahrung, die sich häufig auch in der Gestaltung der Abschlussarbeiten niederschlägt.

Wahrscheinlich stoßen da sehr unterschiedliche Kommunikationsstile und Wertewelten aufeinander.

Es ist schon ein starkes Spannungsfeld, deswegen darf so eine Schule nicht zu groß sein. Unser Konzept in Hamburg ist es, niemals mehr als 400 Studenten zuzulassen. Vor allem die chinesischen Studenten haben zu Beginn viele Probleme, die brauchen eine besondere Betreuung. Häufig gibt es allein schon mit dem Essen und den täglichen Gewohnheiten große Probleme, das kenne ich selbst von meiner Anfangszeit in Deutschland. Die sind dann oft sehr verzweifelt und brauchen viel Betreuung. Wir haben zur Zeit 36 chinesische Studenten, und die sind alle recht jung, im Schnitt 20 Jahre. Das fordert einem schon eine Menge ab, man muss sich um alle diese Studenten kümmern, um jeden einzelnen von ihnen.

Nun noch einmal eine ganz andere Frage: Welche Strömungen oder Gruppierungen in der zeitgenössischen chinesischen Kunst finden Sie derzeit am spannendsten?

Es gibt keine Richtungen, das ist in China wie im Rest der Welt. Ich sehe insgesamt kaum noch Strömungen, es gibt Individualismus, aber es gibt keine Strömungen, das ist nun einmal die Postmoderne. Dennoch gibt es in China zwei Tendenzen, einmal sehr westlich zu sein oder sehr traditionell. Wir kommen aus einer alten Kultur und wollen diese bewahren. Es gibt da große Diskussionen, einige sagen, das was Du hast, das hast Du, das musst Du nicht extra bewahren. Was ich sehr bemerkenswert finde, ist der Trend zu einer gewissen Kommerzialisierung der Kunst in China. Mit Kunst kann man in China heute sehr viel Geld machen. Auf einmal kommt viel Geld auf den Kunstmarkt, die Spekulanten suchen sich neue Objekte. Innerhalb eines Jahres haben sich die Preise von manchen Bildern verfünffacht. Ich halte es für gefährlich, wenn Kunst zu einem Spekulationsobjekt wird. Die Chinesen spekulieren gerne. Viele verstehen die Kunst vielleicht gar nicht, nutzen sie aber als Spekulationsobjekt, das ist eine gefährliche Tendenz. Da muss man sehen, welche Künstler das aushalten können und trotzdem noch inhaltlich arbeiten. Es ist wichtig, ein nüchternes Verhältnis zu Geld zu haben und sich nicht verführen zu lassen. Die Spannung zwischen Kunst und Kommerz ist heute ein wichtiges Thema in der chinesischen Kunst.

Könnte es heute die Aufgabe von Kunst in China sein, bei aller Kommerzialisierung eine eigene Identität zu bewahren? Oder würden sie keine Aufgabe der Kunst definieren wollen?

Ich würde Kunst allgemein nicht definieren. Kunst ist, dem Leben eine subjektive interpretatorische Form zu geben, das ist ganz einfach. Für mich ist der Künstler jemand, der aus der Lösung ein Rätsel machen kann. Das ist mein Prinzip. Aber jeder hat eine andere Einstellung. Für mich ist es wichtig, meine Position und meine Identität zu retten. Da ist es mir egal, wenn mir jemand sagt, das ist Kitsch. Das ist immer subjektiv. Dieses Selbstbewusstsein muss man als Künstler haben, da darf man sich nicht beirren lassen. Ich mache die Kunst nur für mich.

Abschließende Frage: Haben Sie persönlich Visionen für den deutsch-chinesischen Kulturaustausch? Was würden Sie tun, wenn Sie Kulturbotschafter Deutschlands in China wären?

Mir wäre wichtig, weniger Events zu veranstalten und eher den individuellen Austausch fördern. Das heißt, den Austausch von einzelnen Künstlern untereinander, von einer Schule mit einer anderen Schule etc. Ein gutes Beispiel: Damals gab es bei KP Bremer fünf chinesische Studenten, das waren Ma Lu, Liang Yin, Xu Jiang, Wu Shanzhuan und ich. Das Ergebnis dieses intensiven Austausches ist erstaunlich, Ma Lu ist vielleicht nicht so bekannt geworden, aber er lehrt als angesehener Professor an der Kunstakademie Peking. Liang Yin hat ein Museum in Peking geerbt, ich arbeite in Hamburg als international anerkannter Künstler und Xu Jiang definiert fast die gesamte Kunstszene in Südostasien. Wu Shanzhuan stellt im Guggenheim Museum aus, das sind die Ergebnisse. Ohne diesen intensiven Austausch zwischen KP Bremer und seinen Studenten wäre das alles nicht so gekommen. Gerade für einen Standort und für den Kulturaustausch sind solche Menschen besonders wichtig. Xu Jiang ist immer für Deutschland, in allem, was er tut, und ich natürlich auch. Wenn ich Geld hätte, oder wenn ich jemanden beraten sollte, würde ich sagen, steckt mehr Geld in individuelle Kontakte, fördert den direkten Bildungsaustausch.

Vielen Dank für das Gespräch, Shan Fan!

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