04-07-2008 Beijing Rundschau
Was macht Kulturaustausch so attraktiv?
von Xu Bei und Wu Yanfei

Im Prozess der Globalisierung kommen immer mehr Menschen miteinander in Kontakt. Aber nicht nur die Wirtschaft spielt dabei eine wichtige Rolle, sondern auch der Austausch der Kulturen. Die kulturellen Hintergründe eines fremden Landes zu kennen, ist hilfsreich für das Verstehen des Anderen. Reporter der Beijing Rundschau hatten die Gelegenheit zum Gespräch mit Maja Linnemann, der Chefredakteurin des Deutsch-Chinesischen Kulturnetzes.

Maja Linnemann, Chefredakteurin des Deutsch-Chinesischen Kulturnetzes

Frau Linnemann, Sie sind Chefredakteurin des Deutsch-Chinesischen Kulturnetzes in Beijing. Können Sie kurz beschreiben, was das Kulturnetz ist?

Das Deutsch-Chinesische Kulturnetz ist ein Kooperationsprojekt des Goethe-Instituts und der Robert-Bosch-Stiftung. Es handelt sich dabei um eine Internetplattform , die Informationen zum Kulturaustausch bietet, und auf der man erfahren kann, welche Projekte im Bereich deutsch-chinesischer Kulturarbeit es bereits gibt und welche Personen langfristig auf diesem Gebiet aktiv sind. Die Grundidee war es, das ganze Spektrum des Kulturaustauschs nach verschiedenen Themenbereichen aufzufächern, also Architektur, Stadtplanung, bildende Kunst und Fotografie, Literatur und Sprache, Musik, Bildung, Jugendaustausch, Design und Mode und Kulturvermittlung. Der wichtigste Teil der Webseite ist das Magazin. Hier findet man „Im Blickpunkt" Interviews und kürzere Features aus den Themenbereichen, die ich gerade genannt habe. Unter Querbeet gibt es Artikel, die sich da nicht einordnen lassen und in der Rubrik „10 Fragen an…" antworten Prominente. Außerdem werden wir auf der Homepage in Kürze ein Forum einrichten, über das Deutsche und Chinesen miteinander kommunizieren und diskutieren können.

 

Wie sieht Ihre tägliche Arbeit aus?

Es gibt jeden Tag viele verschiedene Dinge, die ich im Blick behalten muss. Zunächst müssen meine Kollegin und ich die Originalbeiträge für unsere Homepage redigieren. Ich bearbeite vorwiegend die deutschen Artikel, während meine chinesische Kollegin Zheng Hong für die chinesischen verantwortlich ist. Meistens muss ich Rücksprache mit den Autoren halten, wenn es Fragen gibt oder ich sehr viel an einem Artikel ändere. Dann muss ein guter Übersetzer gefunden werden, was gar nicht so einfach ist! Nach zwei, drei Tagen wird die Übersetzung geliefert. Wir müssen sie durchsehen, was sehr zeitaufwändig ist. Dann muss man für die Artikel Fotos auswählen, darin werden wir teils von einer Mitarbeiterin aus der Zentrale des Goethe-Instituts in München unterstützt.

Häufig treffe ich mich mit Leuten, die im Kulturaustausch tätig sind, darunter Hochschulprofessoren, Schriftsteller und Musiker, oder auch mit Journalisten und Autoren. Wir haben momentan das Problem, dass es für uns relativ leicht ist, deutsche Autoren zu finden, daher möchten wir jetzt verstärkt Chinesen suchen, die für uns schreiben können. Eigentlich soll das De-cn.net weder ein deutsches noch ein chinesisches, sondern eben ein deutsch-chinesisches Produkt sein, in dem beide Seiten möglichst gleichgewichtet vertreten sind. Leider drückt sich dies im Moment nicht in der Personalsituation aus: Wir haben drei deutsche Mitarbeiter und eine Chinesin, die chinesische Seite ist also unterrepräsentiert. Deshalb versuchen wir, mehr freie chinesische Mitarbeiter zu finden.

 

Welche Themen finden Sie besonders interessant?

Das Schöne an meiner Arbeit ist, dass ich mich mit allen Themen des Kulturlebens beschäftigen kann. Ich treffe Architekten, Leute aus der Uni, Literaten, Künstler. Jeder Tag ist anders, die Arbeit ist sehr abwechslungsreich.

 

Sie haben viel über Kulturaustausch gesprochen. Zählt zu Ihren Erfahrungen in China auch ein Kulturschock?

Zum ersten Mal war ich 1989 in China und bin mit dem Rucksack durch das Land gereist. Ob ich einen Kulturschock hatte, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich bin ja gerade hierher gekommen, weil ich erwartet hatte, dass manches anders sein würde. Vieles war schwierig, z.B. Zugfahren. Im Sommer lagen die Temperaturen um die 40 Grad, aber es gab keine Klimaanlage im Zug und oft hatte ich nicht mal einen Sitzplatz. Aber das hat mich nicht abgeschreckt. Ich habe danach beschlossen, Chinesisch zu studieren, weil mir auf der Reise viele freundliche Menschen begegnet sind, die versucht haben, mit mir zu kommunizieren. Was mir schon damals sehr gefallen hat, war die relative Offenheit und Neugier der Menschen. Die erlebe ich auch heute noch oft. Erst letzter Woche bin ich im Bus mit einem netten jungen Mann, einem Uniabsolventen, ins Gespräch gekommen.

Wenn ich etwas länger darüber nachdenke, fallen mir doch zwei Sachen ein, die man vielleicht als Kulturschock bezeichnen kann: Das war einmal der Besuch des Qingping-Marktes in Kanton während meiner ersten Reise. Als Tierfreund war der Anblick so vieler in kleine Käfige gepferchter Tiere - Hunden, Katzen, Schlangen, Raubvögel, kleine Hirsche - sehr schwer zu ertragen. Und bis heute macht es mich jedes Mal traurig, wenn ich in die Natur gehe und die Überreste der Picknicks in Form von Müllbergen sehe. Oder wie achtlos selbst gebildete Menschen leere Plastikflaschen in die Natur schmeißen. Zum Glück kenne ich viele junge Chinesen, die sich für die Umwelt engagieren, was mir Hoffnung gibt.

Und zweitens das andere Verständnis von Privatsphäre. Früher hatten viele Türen in einfachen Hotels Fenster gerade oberhalb der Augenhöhe - reizten aber gerade deshalb dazu, sich zu recken und zu gucken: Was machen die da? Aber auch die für uns eher ungewohnte Neugier mancher Chinesen kann man ja ins Positive drehen - und genauso neugierig zurückfragen.

Ich würde sagen, dass man in einem fremden Land durch unterschiedliche Phasen geht. In der ersten Phase der Chinaerfahrung ist man sehr offen und optimistisch und versucht, sich anzupassen. Damals wollte ich unbedingt Stoffschuhe tragen, trank nur grünen Tee und versuchte, möglichst chinesisch zu leben. Später kommt aber eine Phase, wo man merkt, das geht gar nicht, ich bin ja keine Chinesin.

 

Das geht nicht?

Nein, natürlich nicht. Von chinesischer Seite geht es nicht, und auch von meiner Seite nicht. Ich muss anerkennen, dass ich dreißig Jahren in Deutschland gelebt habe, ich bin dort aufgewachsen, habe als Kind und Jugendlicher bestimmte Fernsehsendungen gesehen, habe andere Bücher gelesen und bin einfach anders sozialisiert. Gerade für Deutsche, die manchmal etwas Schwierigkeiten haben, sich als Deutsche zu identifizieren, ist es eine Überraschung, im Ausland festzustellen, wie deutsch man eigentlich ist, und das zu akzeptieren.

De-cn.net ist jetzt schon einige Monate im Netz. Finden Sie, dass De-cn.net seiner Rolle als Internetplattform für den deutsch-chinesischen Kulturaustausch gerecht wird?

Ich glaube, es ist noch zu früh, um das sagen zu können. Wir haben dieses Jahr noch die Aufgabe, viel Werbung und Marketing zu betreiben, um das Kulturnetz bekannter zu machen. Man wird erst frühestens in einem Jahr über den Erfolg oder Misserfolg des Projekts sprechen können.

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