04-07-2008 Beijing Rundschau
Was macht Kulturaustausch so attraktiv?
von Xu Bei und Wu Yanfei

Wie viele Zugriffe haben Sie auf Ihre Webseite?

Im Mai hatten wir 40 000 Klicks. Ich bin relativ optimistisch, dass wir stetig mehr bekommen werden. Klickzahlen sind für uns aber auch nicht alles, denn unsere Zielgruppe ist an sich nicht sehr groß.

 

Welchen Schwierigkeiten sind Sie bei der Realisierung des „Kulturnetzes" begegnet?

Was wir sehr schwierig finden, ist die sprachliche Umsetzung. Es ist sehr schwierig, qualifizierte Übersetzer zu bekommen, die in der Lage sind, unterschiedliche Stile zu übersetzen, die Feinheiten zu verstehen und in die andere Sprache zu übertragen. Wir möchten, dass die deutschen Texte Deutsch klingen, die chinesischen Chinesisch. Im Chinesischen wird ganz anders geschrieben als im Deutschen. Das Chinesische ist unheimlich blumig und weitschweifig und oft etwas diffus. Das Deutsche ist viel konkreter. Wir Deutschen sind sehr schlicht, eher zu bescheiden als zu auftrumpfend. Ich glaube, darin liegt auch jenseits der Sprache ganz allgemein ein sehr großer Unterschied.

 

Die Deutschen sind noch bescheidener als Chinesen ...

Die Chinesen sind ja gar nicht unbedingt so bescheiden! Das ist ja ein Klischee! (lacht)

Bescheidenheit gilt als eine Tugend der Chinesen.

Das ist ja ein Missverständnis. Ich finde, dass gerade ältere Leute in China oft sehr von sich eingenommen sind.

 

Wie kann es bei so verschiedenen Grundeinstellungen überhaupt zu einem Austausch kommen?

Das macht ja nichts! Man soll ja seine Eigenheit behalten. Das Ziel des Kulturaustauschs ist ja nicht, dass die Deutschen zu Chinesen werden, und alle Chinesen zu Deutschen. Ich denke, als großes Ziel kann man an der „Völkerverständigung" festhalten. Wenn ich in deutschen Medien Aussagen von Menschen begegne, die nie in China waren oder sich nicht mit China beschäftigt haben, fällt mir auf, dass diese Meinungen viel radikaler sind als die Ansichten von Menschen, die hier leben oder eine lange Beziehung zu China unterhalten. Die meisten Ausländer, die in China gelebt haben, begegnen dem Land mit weitaus mehr Verständnis als Leute, die keine Chinaerfahrung haben. Ich zum Beispiel weiß, was sich in China verändert hat. Ich sehe die Fortschritte. Wenn jemand in Deutschland ist und nur über bestimmte Informationen verfügt, dann sieht er das natürlich nicht. Er vergleicht China mit dem gegenwärtigen Europa. Aber er weiß nicht, woher China kommt, und welchen Weg es bereits zurückgelegt hat. Mein Anliegen ist es, in diesem Punkt für mehr Verständnis zu sorgen.

 

Man sagt, dass infolge kultureller Unterschiede Missverständnisse entstehen können. Teilen Sie diese Ansicht? Wenn ja, können Sie uns ein Beispiel geben, das Sie selbst erlebt haben?

Sicherlich, ich merke an mir selbst, dass ich bestimmte Situationen nicht richtig einschätze, obwohl ich schon so lange in China bin. Ich denke, dass Deutsche direkter sind. Ich finde es oft schwierig, das Indirekte der Chinesen zu verstehen. Jemand sagt: „Ja, ja, ein interessanter Vorschlag", der Deutsche denkt sofort: „Oh toll, machen wir!". Während der Chinese eigentlich gemeint hat: „Komm, vergiss es! Keine Chance!" Wenn man mir etwas sagt, denke ich meistens, dass das dann auch so ist. Ich glaube, das ist sehr deutsch!

 

Was für eine Zukunftsperspektive sehen Sie für das Deutsch-Chinesische Kulturnetz?

Unser Ziel ist es, das Kulturnetz zu einer Dialogplattform zu entwickeln, auf der ein direkter Austausch stattfinden kann. Wenn es uns gelingt, dass viele Menschen, die im deutsch-chinesischen Kulturaustausch aktiv sind, dieses Internetportal als Treffpunkt des Austausches wahrnehmen und auch nutzen, dann sind die Zukunftsperspektiven sehr gut.

 

Biographische Notiz

Maja Linnemann ist Chefredakteurin des Deutsch-Chinesischen Kulturnetzes in Beijing. Sie hat in Bremen Wirtschaftssinologie studiert und war sieben Jahre lang an der österreichischen Außenhandelsstelle in Beijing im Bereich Publikationen und Öffentlichkeitsarbeit u.a. für die Herausgabe des Magazins "CHINA Nachrichten" verantwortlich.

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