22-12-2009 Quelle: Deutsch-chinesisches Kulturnetz
Präsentation nationaler Kultur in China: Das Nationalmuseum in Peking
von Dr. Eduard Kögel

 

Für den Umbau der Museumsbauten auf der östlichen Seite des Platzes in ein neues Nationalmuseum wurde 2004 mit einem internationalen Architektenwettbewerb die Verdoppelung der Fläche angestrebt. Den Wettbewerb gewann das Hamburger Architekturbüro von Gerkan, Marg und Partner (gmp) in Zusammenarbeit mit der China Academy of Building Research (CABR) aus Peking.

Der ursprüngliche Entwurf, mit dem der Wettbewerb gewonnen wurde, sah den Erhalt der Hauptfassaden vor und fasste den neuen Teil unter einem Dach zusammen. Er wurde Ende 2005 fallengelassen. Die Architekten hatten versucht, über das Volumen mit einer zeitgenössischen Architektur die räumliche Präsenz gegenüber der Großen Halle des Volkes zu stärken und die Rückseite mit polygonalen Baukörpern in einen deutlichen Kontrast zur vorgefundenen Form zu setzen. Nach Aussage der Architekten folgten sie dann aber nach mehreren Überarbeitungen dem Willen des Bauherrn, um das neue Volumen „harmonisch" in den Altbau zu integrieren. „Harmonie" ist seit dem fünften Plenum des 16. Zentralkomitees der Kommunistischen Partei im Oktober 2005 ein Zauberwort der politischen Führung, unter dem die „gesellschaftlichen Widersprüche" ausbalanciert werden sollen. Die Spannungen zwischen der neuen urbanen Mittelklasse und den vom Land stammenden Wanderarbeitern beunruhigen die Regierung, Konzepte für eine gleichberechtigte soziale Entwicklung sind nur schwach ausgebildet.

Möglicherweise deshalb hat sich der Bauherr für das Nationalmuseum wieder auf die ästhetische Haltung von 1959 zurückgezogen, die nun das Erscheinungsbild des Umbaus prägt. Die Hauptfläche des insgesamt 192.000 Quadratmeter großen Museums ist kompakt und achssymmetrisch in den an drei Seiten erhaltenen Altbau eingefügt. Die monumentale, 260 Meter lange zentrale Halle erschließt über Treppenanlagen die Galerieebenen. Die Staffelung der neuen Dachabschlüsse mit ihrer dekorativen Referenz an die sozialistischen Prachtbauten hat ihr Vorbild auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes in der Großen Halle des Volkes. Der Rückzug auf die alten ästhetischen Konzepte steht in deutlichem Kontrast zum unmittelbar benachbarten Neubau der Nationaloper.

Die architektonische Sprache dieser beiden Projekte enthält unterschiedliche Botschaften für unterschiedliche Adressaten: Für die internationale Öffentlichkeit bei den Olympischen Spielen sollte das technisch Machbare in einer futuristischen und medienwirksamen Inszenierung präsentiert werden, während nun die Botschaft ans eigene Volk die alten Werte betont.

 

Eigenständige Ausdrucksweise in der Provinz

Wie eingangs erwähnt, sind für das kulturelle Selbstverständnis in China heute nicht mehr nur der Staat und seine Organe in der Hauptstadt zuständig. Auch lokale Initiativen tragen neue Facetten zur zeitgenössischen Baukultur bei. Auf private Initiative entstanden viele Museen außerhalb der Zentren, die den Bezug zum Ort und zur handwerklich geprägten Bautechnik berücksichtigen. Unabhängige chinesische Architekten, wie zum Beispiel Liu Jiakun (刘家琨) mit dem Museum für buddhistische Skulpturen in Chengdu (Sichuan) oder die Architektin Xu Tiantian (徐甜甜) mit ihrem Museumsneubau in Ordos (Innere Mongolei), zeigen, dass man in der Provinz auf eine eigenständige Ausdrucksweise setzt. Dabei wird selbstverständlich der internationale Diskurs über Architektur reflektiert, ohne den immer noch ideologisch unterlegten Debatten in Peking zu folgen.

Der Text erschien zuerst in Katalog zur Ausstellung Anders zur Welt gekommen. Das Humboldt-Forum im Schloss: http://www.theaterderzeit.de/Book/Show/439

 

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