11-10-2007 Beijing Rundschau
Datong - eine Stadt mit zwei Gesichtern
von Ricky v. Kanne

Ich war seit drei Tagen in Beijing und würde auch für die nächsten zwei Monate noch hier sein. Da mein Praktikum bei der Beijing Rundschau erst in zwei Wochen beginnen sollte, war klar, dass ich die Zeit noch nutzen würde, um ein bisschen mehr von China zu sehen.

 

Datong, das westlich von Beijing in der Provinz Shanxi liegt, bot sich an, da das Reisen durch das kommende Chinese New Year nicht ganz einfach, und die Stadt in nur ca. fünf Busstunden zu erreichen war. Also haben wir frohen Mutes kurzerhand unsere Rucksäcke gepackt und sind zum Busbahnhof gefahren.Nach drei Stunden Wartezeit konnten wir ganz entspannt und bequem mit dem Bus nach Datong fahren.

 

Eine der beschädigten Figuren im 'Hängenden Tempel': Eine Auge wurde herausgenommen und die Hände wurden abgetrennt. Im Zuge von Zerstörungen und Plünderungen haben viele Figuren das gleiche Schicksal erlitten.
Eine der beschädigten Figuren im "Hängenden Tempel": Eine Auge wurde herausgenommen und die Hände wurden abge-trennt. Im Zuge von Zerstörungen und Plünderungen haben viele Figuren das gleiche Schicksal erlitten.

Datong ist als Industriestadt eine sehr ernüchternde Stadt, ohne, wie es auf den ersten Blick scheint jegliches romantisches Flair, und man traut ihr nicht zu, dass sie viele wirklich schöne und wertvolle Sehenswürdigkeiten in und in ihrem Umkreis zu bieten hat.

In jeder größeren Stadt in China gibt es einen CITS (China International Travel Service) -Infoschalter, so auch in Datong. Das Personal spricht nicht immer Englisch, aber man kann gut und in der Regel unkompliziert Informationen über organisierte Touren oder Reisemöglichkeiten bekommen. Unser Glück war, dass außer uns zwei Deutschen noch zwei weitere Reisende aus der Schweiz in der Stadt waren und wir so eine „Privattour" zu viert in einem Taxi bekommen konnten. Leider enthielt der doch sehr hohe Preis von 150 Yuan pro Person weder den Eintritt in die Sehenswürdigkeiten noch einen englisch-sprechenden Führer, für den man extra hätte zahlen müssen.

Als erstes ging es zum ungefähr 65 km entfernten Hängenden Tempel Xuankong Si. Falls ich gedacht habe, dass es in Datong kalt wäre, so wurde ich hier eines Besseren belehrt. Doch auch gefühlte -50° C und gemessene -17° C konnten der unglaublichen Wirkung des Ortes nichts abtun. Dank der klirrenden Kälte hatten wir das Glück, fast die einzigen Besucher zu sein. Es war strahlendblauer Himmel. Neben dem über 1000 Jahre alten Tempel, der Buddhismus, Konfuzianismus und Taoismus vereint, wurde ein Staudamm erbaut, der aber die Einzigartigkeit der Schlucht nicht sehr stört. In 40 Metern Höhe hängt die Tempelanlage, die noch heute auf ihren ursprünglichen Holzpfeilern steht, wie ein Schwalbennest an dem höchsten und bedeutendsten Berg in der Umgebung. In den Räumen des Tempels werden verschiedene Heiligenfiguren des Konfuzianismus und Taoismus sowie Buddhastatuen, die von vielen Schnitzereien umgeben sind, verehrt. Leider wurde auch diese Anlage in den vergangenen Jahren immer wieder von Plünderern heimgesucht, so dass manchen Figuren die Augensteine herausgenommen und die Gliedmaßen abgetrennt wurden, um sie gewinnbringend ins Ausland zu verkaufen. 

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