12-10-2007 Beijing Rundschau
Über das Erlangen der großen Freiheit
von Matthias Mersch

Der botanische Garten Beijings liegt am Fuße der Westberge nur knapp 20 Kilometer vom Zentrum der Stadt entfernt. Wie Sie am besten und schnellsten dorthin gelangen, verrate ich Ihnen auf Seite drei. Heute lassen wir uns nicht von den vielen Attraktionen ablenken, die uns das weitläufige Gelände bietet, sondern wir marschieren geradewegs ins Zentrum des botanischen Gartens. Dort steht am Südhang des Jubao der „Tempel des liegenden Buddhas", Wofosi auf Chinesisch (Wo = Liegen, Fo = Buddha, Si = Tempel). Schon Mitte des 7. Jahrhunderts gab es hier eine buddhistische Tempelanlage, aber der Tempel, wie wir ihn heute sehen, geht auf die Zeit der Mongolenherrscher zurück, die Beijing zur Yuan-Zeit (1271-1368) zu ihrer Hauptstadt machten.  

Zunächst scheint nichts an diesem Tempel ungewöhnlich zu sein. Gestalt und Anordnung der Gebäude entsprechen der traditionellen buddhistischen Architektur, wie wir sie – mit nur sehr geringen Variationen – überall in China finden können: Nach dem Passieren des Eingangstors gelangen wir an einen halbkreisförmigen Lotosteich, der von Goldfischen und kleinen Schildkröten bevölkert ist. Ihm zur Seite stehen ein Trommel- und ein Glockenturm. Nach einer kleinen Halle kommen wir zur Halle der Wächter der vier Himmelsrichtungen, die in China „Himmelskönige" (Tian Wang) genannt werden. Ihr Schuhwerk erinnert übrigens auffällig an das Design zeitgemäßer Sneakers. Auf der zentralen Achse der Tempelanlage folgt nun die Halle der Trikala-Buddhas, also der Buddhas der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Sie sind umgeben von den Statuen der achtzehn Arhats, Schüler Buddhas, die wie er die Buddhaschaft erlangt haben, also mit ihrem Tod aus dem Kreislauf der Wiedergeburten austreten und direkt in das Nirwana eingehen werden, in den Zustand der Nicht-Existenz. 

Normalerweise ist die Halle der Trikala Buddhas das größte und wichtigste Gebäude in einer buddhistischen Tempelanlage. Nicht so hier, denn die größte Halle folgt erst noch: es ist die des Liegenden Buddhas. Und er ist der Anlass für unsere Reise aus dem Stadtzentrum von Beijing in die Westberge. Er ist fünf Meter lang, wiegt 54 Tonnen und ist aus Bronze gegossen. Im Jahre 1321 hat man sich zu diesem Meisterwerk aufgerafft. Es heißt, es seien bis zu 7000 Arbeiter mit der Herstellung der Bronzefigur beschäftigt gewesen, eine Zahl, die allerdings offenbar diejenigen einschließt, die mit dem Transport des Rohmaterials beschäftigt waren. Der bronzene Buddha, der früher mit Gold überzogen war, liegt mit äußerst entspanntem Gesichtsausdruck auf der rechten Körperseite, sein linker Arm ruht ausgestreckt auf der linken Seite seines Körpers. Sein Kopf ist auf seine rechte Hand gestützt.

 

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