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12-10-2007 Beijing Rundschau
Über das Erlangen der großen Freiheit
von Matthias Mersch
Bronzen glänzt seine Haut, das Gewand mit feiner Fältelung hat eine grünliche Patina mit Feldern aus Bronze, die Applikationen von Stoff imitieren. Ohne Schmuck ist der Buddha, aber die Feinheit seines Gewands erinnert an seine Abkunft aus einem Fürstenhause. Den Buddha liegend darzustellen ist eine Form, der wir in der ganzen buddhistischen Welt begegnen, von Zentralasien bis nach Thailand und Sri Lanka, aber sie wird nicht allzu häufig gewählt. Buddha, so sagt die Überlieferung, habe vermutlich verdorbenes Schweinefleisch gegessen, aber er soll von den Risiken nicht nur gewusst, sondern die unbekömmliche Mahlzeit bewusst als Anlass gewählt haben, um aus dem Kreislauf der Wiedergeburten auszutreten und in das Nichtsein einzutreten. In diesem Sinne ist auch die Inschrift über dem Buddha in goldenen Schriftzeichen auf tiefblauem Grund zu verstehen: das „Erlangen der großen Freiheit" (zu lesen von rechts nach links: dé erhalten, dà groß, zì selbst, zài frei). Der entspannte Gesichtsausdruck erklärt sich durch seinen Verzicht, die leidvolle Existenz aller Lebewesen noch länger zu teilen. Da ich diese Kolumne für Geschäftsreisende schreibe, also für Sie, liebe Leserin und lieber Leser, darf ich Ihnen nicht verhehlen, dass es um Ihre Aussichten auf ein Verlas-sen des Kreises der Reinkarnationen nicht eben gut bestellt ist: der Würdige, der dazu in der Lage wäre, hat unter anderem Eigenschaften wie Gier, Verblendung, den Glau-ben an Regeln und Riten, die Vorstellung der Existenz einer dauerhaften, individuellen Persönlichkeit, Dünkel, Aufgeregtheit und Unwissenheit abgelegt. Da Sie zunächst also an diese Welt gekettet bleiben, schlage ich Ihnen vor, umzukehren und durch ein kleines rundes Tor in der Mauer linker Hand zu gehen. Sie gelangen so zu Nebengebäuden der Tempelanlage, die heute teils als Hotel genutzt werden. Sie kommen auf einen herrlichen, baumumstandenen Hof. Im Hintergrund beginnt der Wald, davor stört nicht einmal der kleine Parkplatz des Hotels. Im Sommer stehen im Hofe Tische des Hotelrestaurants. Sie können dort sehr gut zu einem sehr günstigen Preis essen. Unter den Bäumen zu sitzen und zu tafeln, ist für mich zu einer meiner liebsten Beschäftigungen in Beijing geworden. Von einem sehr wählerischen Zeitgenossen habe ich gehört, dass dieses Hotel empfehlenswert und besonders geeignet sei für die Veranstaltung von Workshops und Konferenzen. Aber ich muss Sie warnen: Es besteht die Gefahr, dass Sie sich in dieser Umgebung so wohl fühlen wie sonst nur ein Halbgott. Der Buddha weiß, dass diese Existenz-form ganz schlecht dazu geeignet ist, den Pfad der Erleuchtung zu beschreiten. Denn dem Halbgott ist gegeben, was ein Mensch so gut wie nie erreicht: dem Leben ausschließlich lustvolle Seiten abzugewinnen. |
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