26-07-2013
Kultur und Kunst
Geheimnisvolle Skulpturen aus Jade
von Bai Shi

 Sammler sucht in Kunstwerken nach dem Ursprung der chinesischen Zivilisation.

Ein Anhänger aus schwarzer Jade.

Jeder, der das geheime Zimmer in Zhang Yipings Haus in Beijing besichtigt hat, staunt über seine mehrere hundert mysteriösen Jadeskulpturen, die er über viele Jahre hinweg gesammelt hat. 

 Seit den 1990er Jahren sammelt Zhang Kuriositäten. Bei ihm stapeln sich Antiquitäten wie dunkelrote Keramik-Teekannen und Porzellan. Was er jedoch am meisten hegt und pflegt, sind seine Skulpturen aus schwarzer Jade, die er genauestens erforscht hat.

Zwei Statuetten mit übergroßen Geschlechtsmerkmalen.

 Viele Rätsel

1999 stieß Zhang zufällig auf mehrere Skulpturen aus schwarzem Stein, wie er sie vorher noch auf keinem Beijinger Antiquitätenmarkt gesehen hatte. Selbst der Verkäufer wusste nicht, wie er sie bezeichnen sollte.

"Die Skulpturen haben tierische, menschliche und abstrakte Züge, die meisten waren mit einer schwarzen Schicht überzogen, so dass es schwer war festzustellen, dass sie aus Jade waren", erklärte der Sammler gegenüber der Beijing Review.

Schließlich entschloss er sich, die Kunstwerke für weitere Untersuchungen mit nach Hause zu nehmen. Er polierte sie und stellte fest, dass die schwarze Ummantelung aus zwei Schichten bestand. Die obere Beschichtung war durch chemische Reaktionen mit dem Erdreich entstanden.

Eine Jade-Statuette mit Tierkopf und menschlichem Körper.

Die zweite schwarze Schicht ähnelte einer Art Kunststoff. „Vielleicht wurde sie in alter Vergangenheit von Künstlern aufgemalt. Aber das ist nur eine Vermutung von mir", sagt er.

Nachdem er sie poliert hatte, wurde schnell klar, dass die Skulpturen aus Jade bestanden. Aufgrund fehlender eindeutiger Hinweise ist es aber immer noch schwierig festzustellen, ob es historische Kuriositäten oder moderne Plagiate sind. „Die Oberflächentextur der gesäuberten Objekte hat dieselbe charakteristische Marmorierung wie historische Jadeerzeugnisse", sagt Zhang.

Abgesehen von ihrer Oberfläche sind auch die Formen der Skulpturen einzigartig. „Sie sind gewagt und bizarr", behauptet der Sammler. 

"Die Tiere, darunter Schildkröten und Eulen, sind wunderschön gearbeitet. Einige stellen Kombinationen von Menschenkörpern und Tierköpfen, meist ein Ochsenkopf, dar."

Trotz all seiner Anstrengungen ergaben Zhangs Nachforschungen zunächst wenig zur Herkunft dieser ungewöhnlichen Kunstwerke, was ihn aber nur noch mehr anspornte, die Wahrheit auszugraben.

 

Die Stunde der Wahrheit rückt näher

Ein Mann und seine Schätze: Zhang Yiping mit einer Skulptur aus schwarzem Jade in seinem Haus.

In den Folgejahren kaufte Zhang alle Skulpturen aus schwarzer Jade, die er in die Finger bekommen konnte. Er lagerte sie bei sich zu Hause und untersuchte sie penibel mit einer Lupe, in der Hoffnung, irgendeinen Hinweis auf ihre Herkunft zu finden.

Zu seiner Sammlung gehört eine ausgehöhlte Anstecknadel mit einem Wolkenmuster, 3 Zentimeter lang und nur 5 Millimeter dick, als wäre sie mit modernster Technik gefertigt worden. Ihre Kanten sind so scharf wie eine Klinge.

"Selbst heute ist es nicht leicht, ein Stück wie dieses zu fertigen", sagt Zhang und fügt hinzu, dass sogar ein Jade-Bildhauer, den er gebeten hatte, eine Kopie des Werks anzufertigen, gesagt hätte, dass er nicht wisse, wie er das anstellen solle. Das wiederum bestätigte Zhang im Glauben, dass es sich um ein historisches Fundstück handeln müsse.

In der Zwischenzeit entdeckte Zhang außerdem mysteriöse Symbole auf seiner Sammlung, die sich von den frühesten chinesischen Inschriften auf Knochen oder Schildkrötenpanzern aus der Shang-Dynastie (1700 – 1100 v. Chr.) unterscheiden.

Aufgrund ihrer Struktur und Form vermutet der Sammler, dass es sich um eine noch unbenannte Art der Schrift handelt, eine Ansicht, die Experten allerdings nur schwerlich teilen.

"Wie wir wissen, gehören Inschriften aus der Shang-Dynastie zu den frühesten Formen der chinesischen Schrift. Möglicherweise sind diese Zeichen noch älter", so Zhangs gewagte Theorie. „Leider steckt die archäologische Erforschung von Skulpturen aus schwarzem Jade in China noch in den Anfängen. Nach gegenwärtigen Erkenntnissen stammt der Großteil meiner Sammlung wahrscheinlich aus der Hongshan-Zivilisation, die in der Jungsteinzeit rund 8000 Jahre v.Chr. in Nordchina existierte." 

1971 gruben Archäologen eine 5000 Jahre alte C-förmige Jadeskulptur aus einer alten Grabstätte in Chifeng in dem Autonomen Gebiet Innere Mongolei aus. Wissenschaftler bezeichneten sie am Ende als älteste Drachenskulptur aus Jade der chinesischen Zivilisation.

Zufälligerweise hat Zhang einige ähnliche drachenförmige Skulpturen in seiner Sammlung, was ihn in seiner Überzeugung, dass auch sie zur Hongshan-Zivilisation gehören, bestärkt.

Dennoch fehlt die offizielle Absicherung durch Archäologen. „Das ist entscheidend, um den Wert meiner Sammlung zu beweisen", sagt er.

"Es ist bedauerlich, dass die hiesigen Archäologen der Erforschung der Hongshan-Zivilisation und der schwarzen Jadeskulpturen keine Bedeutung beimessen."

Zurzeit gibt es weniger als zehn Sammler dieser Skulpturen im Land, die Gesamtzahl ihrer Objekte liegt bei 2000 Stück. Ein Großteil dieser Schätze sei in jüngster Vergangenheit aus China ausgeführt worden, sagt Zhang.

Er hofft, dass das Geheimnis der schwarzen Jadeskulpturen eines Tages gelüftet werden kann.  

"Ich sammle sie seit über zehn Jahren. Für mich lohnt es sich, meine Zeit mit ihnen zu verbringen. Aber vor allem will ich die Wahrheit herausfinden", sagt er.

 

Die Hongshan-Zivilisation:

Überreste dieser Zivilisation aus der Jungsteinzeit wurden erstmals von Archäologen in den 1920er Jahren in Chifeng in dem Autonomen Gebiet Innere Mongolei gefunden. 1954 gaben chinesische Wissenschaftler dieser Kultur den Namen Hongshan. Hongshan bedeutet Rotes Gebirge.

Seit den 1970er Jahren haben chinesische Archäologen fast 1000 Relikte der Hongshan-Zivilisation ausgegraben. Sie wurden mit Hilfe der Radiokarbon-Technologie auf 3000 bis 4000 v.Chr. datiert. Die Hongshan lebten vorwiegend von Ackerbau und Viehzucht. Sie waren außerdem in der Lage, steinzeitliche Kleinwerkzeuge und Keramik herzustellen und beherrschten die Bronzeschmelztechnik.

Außerdem zeigten die Hongshan eine große Kunstfertigkeit in der Fertigung von Jadeskulpturen. Die meisten Arbeiten, die im Laufe der Zeit gefunden wurden, sind figürliche Darstellungen oder Tiere, darunter Schweine, Schildkröten, Vögel, Zikaden und Fische, sowie phantasievolle Totem-Figuren. Archäologen vermuten, dass diese Statuetten als Opfergefäße bei religiösen Zeremonien und Riten eingesetzt wurden. Chifeng wies außerdem reiche Jadevorkommen auf und bot den Hongshan so perfekte Bedingungen für ihre Kunst.